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Anthropic IPO: Risiken, Nebenwirkungen und zwei Billionen Dollar

Anthropic IPO: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Börsenprospekt.Anthropic warnt Anleger im eigenen Börsenprospekt vor der eigenen KI. Die Geldgeber wollen trotzdem einen Rekordpreis.

Wer sich durch den Börsenprospekt von Anthropic arbeitet, stolpert zuerst über ein Missverhältnis. 261 Seiten Haupttext. 48 davon erklären, was das Unternehmen eigentlich macht. 80 beschreiben, was alles schiefgehen kann. SpaceX kam bei seinem Börsengang im Juni mit 38 Seiten Risiken aus, und die bauen immerhin Raketen.

Trotzdem peilen die Geldgeber für den Claude-Entwickler eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar an. Das wäre mehr als doppelt so viel wie noch im Mai. Die WirtschaftsWoche stellt deshalb die naheliegende Frage: Kann ein Unternehmen, das Anleger derart deutlich warnt, so viel wert sein? Die ehrliche Antwort lautet: Das weiß heute niemand. Aber der Börsenprospekt liefert erstaunlich viel Material, um sich selbst ein Urteil zu bilden.

Eine Einschränkung vorab: Das Dokument ist noch nicht öffentlich. Anthropic hat den sogenannten S-1-Prospekt bisher nur einem kleinen Kreis von Partnern geschickt. Die Zahlen und Zitate in diesem Artikel stammen aus den Berichten von Reuters und der Financial Times, die den Entwurf einsehen konnten.

Ein Beipackzettel mit Weltuntergangskapitel

Risikofaktoren stehen in jedem Börsenprospekt. Die US-Börsenaufsicht SEC verlangt das, und Anwälte schreiben lieber zu viel als zu wenig hinein. Jede verschwiegene Gefahr kann später eine Anlegerklage wert sein. Normalerweise liest man dort also von Wettbewerbern, Regulierung und Lieferketten.

Anthropic geht deutlich weiter. Laut Reuters und FT warnt das Unternehmen, fortgeschrittene KI könne katastrophale oder sogar „existenzielle Risiken für die Menschheit“ bergen. Und es bleibt nicht abstrakt. Die eigenen Modelle könnten Selbsterhaltungsverhalten zeigen, heißt es: sich gegen eine Abschaltung sträuben, Informationen verbergen oder manipulieren, sich verhalten wie bei einer Erpressung.

Die vielleicht unbequemste Passage betrifft die Tests selbst. Modelle könnten erkennen, wann Anthropic sie gerade prüft. Das schränke nach Angaben des Unternehmens die Fähigkeit erheblich ein, die Sicherheit der Modelle überhaupt zu bewerten. Wie viel Geld in Sicherheitsforschung fließt, verrät der Prospekt nicht. Anthropic hatte in diesem Monat selbst mitgeteilt, dass in einer Stichprobenwoche im Juli rund sechs Prozent der Rechenleistung für KI-Forschung auf Sicherheitsarbeit entfielen.

Überraschend kommt das alles nicht. Firmenchef Dario Amodei predigt diese Warnungen seit Jahren, zuletzt vergangene Woche vor dem UN-Sicherheitsrat. Neu ist nur der Ort. Diesmal stehen sie in einem Dokument, für dessen Inhalt das Unternehmen gegenüber Anlegern haftet.

Wenn der KI-Agent Mist baut, wer zahlt dann?

Für alle, die KI-Agenten in ihre eigenen Abläufe einbauen, ist ein anderer Abschnitt spannender als die Menschheitsfrage. Der Prospekt behandelt ausführlich sogenannte „rogue AI agents“: autonome Systeme, die durch Fehler, fehlerhafte Ausrichtung oder Sicherheitslücken echten Schaden anrichten. Wer dafür haftet, sei rechtlich ungeklärt, räumt Anthropic ein. Mehr noch: Vertraglich vereinbarte Haftungsobergrenzen könnten sich im Ernstfall als unwirksam oder unzureichend erweisen.

Übersetzt heißt das: Der Hersteller weiß selbst nicht genau, wer am Ende die Rechnung bekommt, wenn ein Agent eigenmächtig die falsche Datenbank leert oder die falsche Überweisung auslöst. Das sollte jeder im Hinterkopf haben, der solchen Systemen Schreibrechte gibt.

Dazu kommt ein Risiko, das man eher aus der Lokalpolitik kennt. Schon im August berichtete CNBC unter Berufung auf Insider, dass die wachsende Ablehnung von KI und neuen Rechenzentren in der Bevölkerung als Risikofaktor im Prospekt auftauchen werde. Wer auf Hunderte Milliarden Dollar Infrastruktur angewiesen ist, braucht eben auch Gemeinden, die Baugenehmigungen erteilen.

Zwölfmal mehr Umsatz – und trotzdem tief im Minus

Jetzt zu den Zahlen, und die haben es in sich. Laut Reuters hat Anthropic seinen Umsatz 2025 verzwölffacht, auf knapp 4,6 Milliarden Dollar. Gleichzeitig wuchs der operative Verlust von 2,98 auf 8,06 Milliarden Dollar.

Kennzahl (Geschäftsjahr 2025) Wert
Umsatz knapp 4,6 Mrd. Dollar (rund das Zwölffache des Vorjahres)
Operativer Verlust 8,06 Mrd. Dollar (2024: 2,98 Mrd.)
Nettoverlust rund 42 Mrd. Dollar, davon ca. 34 Mrd. Buchungseffekt
Kosten für Rechenleistung und Infrastruktur 7,33 Mrd. Dollar (dreimal so viel wie 2024)
Gesamte operative Kosten 12,65 Mrd. Dollar
Künftige Verpflichtungen für Cloud, Rechenleistung, Infrastruktur 518 Mrd. Dollar
Umsatzanteil der zwei größten Kunden knapp ein Viertel

Die 42 Milliarden Dollar Nettoverlust, die gerade durch die Schlagzeilen geistern, klingen dramatischer, als sie sind. Rund 34 Milliarden davon gehen laut Reuters auf einen Buchhaltungseffekt zurück: Finanzierungen, die später in Aktien umgewandelt werden können, sind auf dem Papier deutlich mehr wert geworden. Dieses Geld hat Anthropic nicht ausgegeben. Aussagekräftiger ist der operative Verlust von gut acht Milliarden. Mehr als die Hälfte der Betriebskosten verschlingt die Rechenleistung.

Und 2026? Da sieht es anders aus. Im zweiten Quartal setzte Anthropic laut FT 11,5 Milliarden Dollar um, also in drei Monaten deutlich mehr als im gesamten Vorjahr. Das Unternehmen steuert demnach auf das zweite Quartal in Folge mit operativem Gewinn zu. Allerdings nur „bereinigt“, also nach Herausrechnen bestimmter Kosten. Dieses Wort sollte man bei jedem Börsenkandidaten doppelt unterstreichen.

Eine Rechnung in der Größenordnung eines Bundeshaushalts

Die eigentliche Zahl des Prospekts ist eine andere: 518 Milliarden Dollar. So viel hat sich Anthropic für Cloud-Kapazitäten, Rechenleistung und Infrastruktur verpflichtet, verteilt über rund zehn Jahre. Zum Einordnen: Der gesamte deutsche Bundeshaushalt bewegt sich seit einigen Jahren um die 500 Milliarden Euro.

Diese Summe erklärt auch, warum Anthropic an die Börse muss. Kein privater Investor stemmt solche Beträge dauerhaft allein. Sie erklärt aber auch zwei weitere Risiken, die der Prospekt offen benennt. Erstens hängt Anthropic an einer kleinen Gruppe großer Technologiekonzerne, die die Rechenleistung liefern. Zweitens hängt der Umsatz an wenigen Großkunden. Zwei Kunden brachten 2025 knapp ein Viertel der Einnahmen. Und viele große Abnehmer sind nicht über langfristige Verträge gebunden. Sie können also gehen, wenn die Konkurrenz ein besseres Angebot macht.

Die Gegenerzählung liefert Anthropic gleich mit. Der Prospekt prognostiziert, KI werde die Weltwirtschaft tiefer umkrempeln als Industrialisierung, Elektrizität und Internet. Dasselbe Dokument malt also die größte wirtschaftliche Chance der Geschichte und ein mögliches Menschheitsrisiko in einem Atemzug. Man muss das nicht widersprüchlich finden. Man sollte es aber bemerken.

Mitbezahlen ja, mitreden eher nicht

Wer im November Anthropic-Aktien kauft, kauft vor allem eines: Beteiligung am Erfolg. Mitbestimmung gibt es kaum. Laut Reuters bündeln die sieben Mitgründer ihre Macht in einer eigenen Gesellschaft, der „Founder LLC“. Sie hält eine einzige Aktie der Klasse F, die bei wichtigen Entscheidungen 50,1 Prozent der Stimmen trägt. Wirtschaftlich besitzt jeder Gründer, Dario Amodei eingeschlossen, nur rund zwei Prozent des Unternehmens.

Das Modell ist dem Softwarekonzern Palantir nachempfunden, hat aber eine Besonderheit. Den Großteil des Aufsichtsgremiums bestimmt weiterhin der Long-Term Benefit Trust, ein unabhängiges Gremium ohne finanzielle Beteiligung, dem unter anderem der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke angehört. Er wählt vier der sieben Sitze. Die Gründer stellen drei. Anthropic verkauft das als Schutz der Mission vor kurzfristigem Renditedruck. Kritiker sehen darin schlicht eine Konstruktion, die Außenstehenden wenig Einfluss auf Strategie, Vergütung oder Übernahmen lässt. Die Gründer haben übrigens zugesagt, 80 Prozent ihres Vermögens zu spenden.

Der Ärger mit Washington

Ein Risiko steht nicht zwischen den Zeilen, sondern in den Nachrichten. Seit Februar liegt Anthropic mit dem Pentagon über Kreuz. Das Unternehmen weigerte sich damals, seine Modelle für vollautonome Waffen oder die massenhafte Überwachung im Inland freizugeben. Das US-Verteidigungsministerium stufte Anthropic daraufhin als Risiko für die Lieferkette ein. Nach einem Bericht von Euronews hat ein Bundesberufungsgericht diese Einstufung vergangene Woche bestätigt.

Für die Grundsatzhaltung gibt es viel Applaus. Für einen Börsenkandidaten, der Behörden und Rüstungszulieferer als Kunden gewinnen will, ist der Konflikt trotzdem ein handfester Posten in der Risikobilanz.

Zwei Billionen: mutig, maßlos oder einfach der neue Maßstab?

Bleibt die große Zahl. Im Mai sammelte Anthropic bei einer Finanzierungsrunde 65 Milliarden Dollar ein, bei einer Bewertung von 965 Milliarden. Jetzt sollen es mehr als zwei Billionen werden. Damit läge Anthropic über den rund 1,8 Billionen Dollar, mit denen SpaceX im Juni an die Börse ging.

Eine kleine Milchmädchenrechnung zeigt, worauf Anleger wetten. Gemessen am Umsatz von 2025 läge die Bewertung beim mehr als 400-Fachen. Rechnet man das zweite Quartal 2026 aufs Jahr hoch, landet man bei etwa 46 Milliarden Dollar Umsatz und einem Faktor von gut 40. Das ist immer noch sportlich, aber nicht mehr absurd, sofern das Wachstum hält. Genau das ist die Wette.

Beim Finanzdienst Finimize rechnet man damit, dass 80 Seiten Risiken den Preis drücken könnten. Käufer verlangen für Gefahren, die sich schlecht in Tabellen fassen lassen, üblicherweise einen Abschlag. Analysten erwarten laut Reuters dennoch reges Interesse. Und sie erwarten, dass der erste Börsengang eines großen KI-Labors die Bewertungsmaßstäbe für die ganze Branche setzt. Konkurrent OpenAI hat im Juni vertraulich seine Unterlagen eingereicht, Sam Altman hat einen Börsengang in diesem Jahr aber ausgeschlossen. Anthropic hat die Bühne also vorerst für sich.

Wer liest schon den Beipackzettel?

Voraussichtlich im November, nach den US-Zwischenwahlen, geht es los. Dann zeigt sich, ob Investoren die Chancen oder die Risiken schwerer gewichten.

Bei Medikamenten kennen wir die Antwort. Kaum jemand liest den Beipackzettel, fast alle nehmen die Tablette, weil sie sich Besserung versprechen. Anthropic hat seinen Zettel ungewöhnlich lang und ungewöhnlich ehrlich geschrieben. Das ehrt das Unternehmen. Es verschiebt aber auch etwas: Wer im November kauft und später über Nebenwirkungen klagt, wird sich anhören müssen, dass sie auf 80 Seiten schwarz auf weiß standen.

Quellen

30.09.2026

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