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Angriff in Frankreich - Hacker drehen Blutbank-Kühlung auf 110 Grad

Hacker drehen Blutbank-Kühlung auf 110 GradEben ging es noch um warmen Joghurt und aufgetaute Tiefkühlpizza. Ärgerlich, teuer, aber verkraftbar. Jetzt haben Unbekannte in Frankreich die Kühlung eines Lagers für Blutprodukte manipuliert - das nennt man dann wohl "kritische Infrastruktur". Und spätestens hier hört der Spaß auf, falls es jemals einer war.

In der Nacht vom 1. auf den 2. November 2026 haben Angreifer die Kühlsteuerung an drei Standorten des französischen Blutspendedienstes Établissement français du sang (EFS) ins Visier genommen. Getroffen wurde dabei nicht das EFS selbst, sondern ein externer Dienstleister für Kühltechnik (klingelt da was?). Die französische Presse nennt das Unternehmen Coolworld, das EFS selbst hat den Namen nicht bestätigt. Über dessen Systeme drangen die Täter bis zu den Steuerungen der Kühlräume vor und stellten dort den Sollwert von üblichen minus 30 Grad auf plus 110 Grad. Ein EFS-Mitarbeiter sprach gegenüber Radio France sogar von Werten bis 150 Grad.

Gelagert wurden dort Rückstellproben von Blutspenden, die für die Sicherheitsüberwachung aufbewahrt werden. Später räumte das EFS ein, dass auch gefrorenes Plasma für Transfusionen betroffen war. Also genau das Zeug, auf das Unfallopfer und Krebspatienten händeringend angewiesen sind.

Der Held ist ein Mensch mit Bereitschaftshandy

Die gute Nachricht zuerst: Es ist nichts verloren gegangen. Alarme haben angeschlagen, ein Techniker im Bereitschaftsdienst hat die steigenden Werte bemerkt und eingegriffen, bevor die Ware Schaden nahm. Blutspenden und Lieferungen an Kliniken laufen laut EFS normal weiter. Die französische Cybersicherheitsbehörde ANSSI und das Gesundheitsministerium untersuchen den Vorfall.

Die schlechte Nachricht: Zwischen „nichts passiert“ und „Tausende Plasmaeinheiten vernichtet“ stand im Wesentlichen ein aufmerksamer Mensch, der nachts aufs Display geschaut hat. Das ist kein Sicherheitskonzept, das ist Glück mit Schichtplan.

Supermarkt, Metzgerei, Blutbank: Wer kommt als Nächstes?

Ob der Angriff zur Serie gehört, die seit Oktober Supermärkte in halb Europa trifft, ist offiziell nicht bestätigt. Bekannt hat sich niemand, die Täter sind unbekannt. Das Muster ist allerdings verdächtig vertraut: vernetzte Kühlsteuerung, aus dem Internet erreichbar, Temperatur einmal komplett in die falsche Richtung gedreht.

Der Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern im Preis des Versagens. Ein Kühlregal voller Joghurt ist ein Posten in der Bilanz. Eine Charge Plasma ist im Zweifel eine verschobene Operation.

Die Lücke beim Dienstleister

Bemerkenswert ist der Weg, den die Angreifer genommen haben. Das EFS hat vermutlich eine ordentliche Firewall, Richtlinien, Audits und vermutlich auch ein Awareness-Training mit Quiz am Ende. Hilft alles nichts, wenn der Wartungsdienstleister einen Fernzugang auf die Kühlsteuerung hat und der offen im Netz hängt. Die Sicherheit der Gefriertruhe hängt in diesem Fall weniger an der eigenen IT als am Wartungsvertrag.

Genau das soll ANSSI nun klären: warum Steuerungen kritischer Kühlanlagen überhaupt direkt aus dem Internet erreichbar sind. Eine Frage, die sich Betreiber in Deutschland gerne schon heute stellen dürfen, bevor sie ihnen jemand vom BSI oder von der Presse stellt.

Was Betreiber jetzt prüfen sollten

  • Erreichbarkeit: Hängt irgendeine Steuerung für Kühlung, Heizung oder Lüftung direkt im Internet? Wenn ja: sofort abklemmen oder hinter VPN mit Mehr-Faktor-Anmeldung legen.
  • Dienstleister-Zugänge: Wer hat Fernzugriff, über welchen Weg, mit welchem Passwort? Und wann wurde das zuletzt geändert, falls überhaupt?
  • Grenzwerte: Lassen sich Sollwerte beliebig verstellen? Eine Kühlanlage für Plasma braucht keine Einstellung für 110 Grad. Harte Limits in der Steuerung kosten wenig.
  • Unabhängige Alarmierung: Temperaturüberwachung sollte nicht über dasselbe System laufen, das gerade manipuliert wird.
  • Verträge: IT-Sicherheitsanforderungen gehören in jeden Wartungsvertrag, inklusive Meldepflicht bei Vorfällen.

Die Angriffswelle auf Kühlanlagen ist schon lange kein Kuriosum mehr für die Rubrik „Was es nicht alles gibt“. Wer heute noch Gebäudetechnik mit Standardpasswort ins Netz hängt, lädt jeden ein, der mit einer Suchmaschine für offene Geräte umgehen kann. In Frankreich hat ein wacher Techniker das Schlimmste verhindert. Darauf sollte sich niemand verlassen, der Blut, Medikamente oder Impfstoffe lagert.

Quelle und weitere Details:

Foto: Charlie-Helen Robinson

04.11.2026

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