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Digitale Souveränität zur Miete

Friedrich Merz und Jensen Huang beim Invest in Germany SummitMontagabend in einem ehemaligen Stromkraftwerk in Berlin beim „Invest in Germany Summit“. Rund 200 Konzernchefs in gut sitzenden Maßanzügen hocken im Saal (jaaaa, ein paar Kostüme waren auch dabei, aber eher in der Unterzahl). Auf der Bühne der ebenso adrett gekleidete Bundeskanzler und ein Mann in Lederjoppe, dessen Chips gerade einen Großteil des KI-Booms befeuern. Und Friedrich Merz stellt ausgerechnet diese Frage: Wie sollte man KI eigentlich regulieren?

Jensen Huang, Gründer und Chef von Nvidia, antwortet asiatisch höflich. Und dann sagt er einen Satz, der seitdem durch alle Timelines läuft: Es gibt nichts zu regulieren, wenn die Industrie nicht floriert. Übersetzt in Berliner Politsprech: Baut erst mal was. Über die Hausordnung reden wir danach.

Eine Frage, die mehr verrät als jede Antwort

Fairerweise: Merz hat nicht nach einem Verbot gerufen. Sinngemäß sagte er, keine Regulierung sei nicht die richtige Antwort, zu viel aber auch nicht. Und er wollte wissen, wie Huang die Risiken einfangen würde. Eine durchaus legitime Frage für einen Regierungschef, dessen Land den EU AI Act umsetzen muss.

Huangs Antwort fiel trotzdem deutlich aus. Sicherheit habe Vorrang, ja. Aber staatliche Regulierung sei erst die dritte Säule. Regulieren solle man Anwendungen, nicht die Technologie an sich. Dann unterbrach er den Kanzler mit einem knappen Appell: „Geben Sie Deutschland eine Chance.“

Überraschend kam das nicht. Schon Tage vor dem Gipfel hatte Huang in London erklärt, wie sehr ihn Deutschlands Rückstand bei KI schmerze. Seine Diagnose: Europa „zerdenke“ die Dinge. Sein Rezept: einfach mal anfangen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP legte er in Berlin noch einmal nach: „Diese industrielle Revolution ist so gewaltig, so mächtig. Sie haben keine zweite Chance.“

Man muss Huang nicht mögen, um zu merken: Da stand ein Verkäufer auf der Bühne, der seine Kunden zur Eile drängt. Und ein Kanzler, der lieber zuerst über die Bremse sprach.

Was am 19. Oktober wirklich unterschrieben wurde

Am selben Abend unterzeichneten das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) und das Forschungsministerium (BMFTR) eine Absichtserklärung, eine sogenannte Joint Declaration of Intent, mit Nvidia. Gemeinsam wollen die Partner KI-Modelle für „Physical AI“ entwickeln, also KI für Roboter, Fabriken und autonome Systeme. Das Ganze hängt an der KI-Roadmap der Bundesregierung und an der Plattform Industrie 4.0, die komplett auf industrielle KI umgebaut wird.

Die Bundesregierung verspricht in ihrer Pressemitteilung viel: Man wolle „die traditionelle deutsche Ingenieurskunst und Fertigungsexpertise mit Spitzenforschung und modernster KI-Technologie verschmelzen“, um Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und „technologische Souveränität Deutschlands zu sichern“.

Klingt groß. Schaut man aber genauer hin, schrumpft das Paket:

Was angekündigt wurde Was (bisher) fehlt
Gemeinsame Initiative für Physical-AI-Modelle Bindende Zusagen: Eine Absichtserklärung verpflichtet niemanden zu etwas
Der Mittelstand soll von den KI-Fortschritten profitieren Fördersumme, Zugangsbedingungen, konkrete Programme für Betriebe
Offene Modelle für die Industrie Unabhängigkeit: Basis sollen Nvidias eigene Modellfamilien Nemotron und Cosmos sein
Laut Handelsblatt ein dreistelliger Millionenbetrag vom Bund Eine offizielle Zahl der Bundesregierung
Rund ein Dutzend Firmen wollen mitmachen, darunter Siemens, Audi und Black Forest Labs Preise, Kontingente oder Subventionen für Rechenzeit

Für einen Maschinenbauer aus Ostwestfalen heißt das: Stand heute gibt es aus diesem Deal nichts zu beantragen.

Die Cloud, die mal privat bezahlt werden sollte

Spannend wird es beim Geld. Nach Handelsblatt-Informationen soll ein Teil der Bundesmittel dafür draufgehen, Rechenzeit in der Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom zu mieten. Diese KI-Fabrik in München haben Telekom, Nvidia und der Rechenzentrumspartner Polarise für rund eine Milliarde Euro hochgezogen. Dort laufen rund 10.000 Nvidia-Chips der Blackwell-Generation.

Pikant: Als das Kanzleramt diese Cloud im Juni 2025 ankündigte, hieß es, Nvidia und seine Partner würden sie bezahlen. Bei der Vorstellung im November 2025 galt das Projekt als rein privatwirtschaftlich. Jetzt kauft sich der Staat als Kunde ein. Das Geld fließt am Ende an zwei Adressen: für die Hardware an Nvidia, für die Rechenleistung an die Telekom.

Das muss nicht falsch sein. Start-ups und Forschungsgruppen brauchen bezahlbare Rechenzeit, und die gibt es in Deutschland kaum. Nur sollte man es dann nicht als Souveränitätsoffensive verkaufen. Es ist ein Mietvertrag.

Siemens war schon da

Wer glaubt, Berlin habe hier eine Tür aufgestoßen, liegt falsch. Die deutsche Industrie arbeitet längst eng mit Nvidia. Auf der CES in Las Vegas haben Siemens und Nvidia im Januar 2026 ihre Partnerschaft deutlich ausgebaut. Ziel: ein „industrielles KI-Betriebssystem“. Als erste Blaupause dient das Siemens-Elektronikwerk in Erlangen, das zur vollständig KI-gesteuerten, adaptiven Fabrik werden soll.

Cedrik Neike, Siemens-Vorstand und Chef von Digital Industries, nennt das eine „historische Chance für Deutschland und Europa“. Die Rechnung dahinter: Nur mit massiv mehr Produktivität lässt sich Fertigung in einem Hochlohnland halten. Die Partner versprechen bis zu 85 Prozent weniger Engineering-Aufwand durch virtuelle Produktionsplanung und bis zu 20 Prozent Kostenersparnis. Laut Reuters will Siemens den Automatisierungsgrad in der Fertigung von heute 30 bis 40 auf 70 bis 80 Prozent treiben. Bis 2030 sollen 500 Millionen Euro in den Standort Erlangen fließen.

Siemens-Chef Roland Busch sagt dabei offen, was eine vollautomatisierte KI-Fabrik ausmacht: viel Fläche, viel Energie, wenige Arbeitsplätze. Die Fabrik bleibt in Deutschland. Ob die Jobs bleiben, ist eine andere Frage.

Souverän auf fremdem Fundament

Und damit zum eigentlichen Widerspruch. Die Bundesregierung schreibt „technologische Souveränität“ in die Pressemitteilung. Gleichzeitig sollen die neuen offenen Industriemodelle auf Nemotron und Cosmos aufbauen, also auf Nvidias Modellen, trainiert auf Nvidias Chips, betrieben in einer Cloud mit Nvidia-Hardware. Das ist ungefähr so souverän wie ein Eigenheim, bei dem Fundament, Wände und Dach dem Vermieter gehören.

Es gibt eigene Ansätze. Das Projekt SOOFI (Sovereign Open Source Foundation Models) am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz hat im August ein erstes Sprachmodell vorgestellt, SOOFI S mit 30 Milliarden Parametern. Darauf soll der Pakt aufbauen. Das ist ein Anfang. Im Vergleich zu dem, was in den USA in KI-Infrastruktur fließt, ist es ein Rundungsfehler.

Die Gegenseite hat durchaus Argumente. Für große KI-Beschleuniger gibt es derzeit schlicht keinen europäischen Anbieter, der liefern könnte. Fachleute sehen im Pakt deshalb einen schnellen Zugang zu Technik, die deutsche Firmen sonst gar nicht bekämen. Und Souveränität bedeutet in diesem Markt realistischerweise keine Autarkie. Sie bedeutet, Anbieter wechseln zu können, offene Schnittstellen zu nutzen und die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. Wer so rechnet, kann mit Nvidia arbeiten, ohne sich auszuliefern.

Auch Huangs Kritik sollte man einordnen: Sie ist interessengeleitet. Nvidia verdient, wenn Staaten und Konzerne möglichst schnell möglichst viele Chips kaufen. Wenn der wichtigste Lieferant zur Eile mahnt, ist das bestimmt kein neutraler Rat.

Nur: Genau deshalb wäre es die Aufgabe der Politik, das eigene Geld dort einzusetzen, wo Abhängigkeit kleiner wird. Die EU hat im Februar 2025 einen 200-Milliarden-Euro-Plan für KI angekündigt. Wie viel davon in europäische Chips, Modelle und Rechenzentren fließt, die Europa selbst kontrolliert, wird darüber entscheiden, ob „digitale Souveränität“ mehr ist als ein Wort für Sonntagsreden.

Fünf Millionen für eine Bühne

Laut Medienberichten hat der Gipfel rund fünf Millionen Euro gekostet. Dafür gab es schöne Bilder, eine Absichtserklärung ohne Zahlen und einen Kanzler, der vor dem größten Chiphändler der Welt über Leitplanken sprach, bevor überhaupt eine Straße gebaut ist.

„Sie haben keine zweite Chance“, hat Huang gesagt. Er meinte: Kauft jetzt. Man kann den Satz auch anders lesen. Wer heute nur mietet, besitzt morgen nichts, und hat dann tatsächlich nichts mehr, was sich zu regulieren lohnt.

Zum Nachlesen

Foto: IMAGO

21.10.2026

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