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Nur ein toter Bug ist ein guter Bug.

Der erste Computer-BugAm 9. September 1947 um 15:45 Uhr stand in Cambridge, Massachusetts, ein Rechner still. Er sollte Zahlen liefern - aber er lieferte keine. Die Crew suchte die Störung Schalter für Schalter, bis sie bei Relais 70 in Panel F hängen blieb. Zwischen den Kontakten klemmte eine Mottenleiche.

Jemand zog das angebrutzelte Viech mit einer Pinzette heraus und klebte es mit einem Streifen Klebeband ins Logbuch. Daneben stand: „First actual case of bug being found.“ Auf Deutsch: der erste tatsächliche Fall, dass ein Bug gefunden wurde.

Die Pointe sitzt im Wort „actual“. Die Leute im Labor kannten „Bug“ längst als Fachbegriff für technische Macken. Sie spielten mit den zwei Bedeutungen. Und dieses Mal war wirklich ein Tier schuld.

Die Geschichte gehört seither zum Standardrepertoire jeder Informatikvorlesung, und fast jeder erzählt sie falsch. Hier ist die Fassung, die den Quellen standhält.

Ein Rechner mit enormer Geräuschkulisse

Der von der US-Navy finanzierte Harvard Mark II war kein Computer im heutigen Sinn. Er war ein riesiger elektromechanischer Rechner. Statt Transistoren schalteten rund 13.000 Relais: kleine Schalter, die ihre Kontakte mechanisch schließen und öffnen. Das muss ziemlich laut gewesen sein. Historische Berichte deuten darauf hin, dass die bedienenden Ingenieure den Betriebszustand der Maschine oft unmittelbar am Rhythmus und der Geräuschkulisse der arbeitenden Relaiswand abhören und einschätzen konnten. Und: Wo Metall auf Metall klappt, reicht ein kleiner Fremdkörper, und der Stromkreis bleibt offen. Staub, ein Spritzer Lötzinn oder eben eine Motte.

Howard Hathaway Aiken leitete das Projekt, er hatte bereits den Mark I entwickelt. Sein Mark II lief erst seit dem Sommer 1947. Die Motte kam also eigentlich, bevor der Rechner richtig warm geworden ist.

Harvard Mark II

Die Informatik-Pionierin Grace Hopper war dabei, am Relais stand sie nicht

Hier liegt der häufigste Irrtum. Das Smithsonian, das das Logbuch heute verwahrt, schreibt nüchtern: Ingenieure fanden die Motte. Das Buch stammt wahrscheinlich nicht von Grace Hopper. Sie und das Mark-II-Team machten den Begriff aber populär. Zu den Operatoren gehörte William „Bill“ Burke, später im Naval Weapons Laboratory in Dahlgren. Hopper räumte selbst ein, dass sie das Insekt nicht gefunden hatte. Wer den Eintrag also genau geschrieben hat, verrät die erhaltene Seite nicht.

Grace Brewster Murray HopperWarum steht dann ihr Name über der Geschichte? Weil sie sie erzählte, jahrzehntelang und ziemlich gut. 1981 schrieb sie den Vorfall sogar in den Annals of the History of Computing auf. Ihre Version hat Witz: Aiken kam regelmäßig ins Labor und fragte, ob sie Zahlen produzierten. Lieferte die Maschine nichts, brauchten die Techniker eine Ausrede. Ab da sagten sie, sie seien beim „Debugging“. Hopper meinte, so habe alles angefangen.

Nun ja, ganz stimmt das nicht. Das Oxford English Dictionary belegt „debug“ schon 1945 und zwar im Zusammenhang mit Flugzeugmotoren. Hopper hat den Begriff nicht erfunden. Sie verstand es aber, ihn unvergesslich zu machen. Später entwickelte sie übrigens einen der ersten Compiler und arbeitete an COBOL mit - das hatte deutlich mehr Substanz als jede Motte.

Ein Datum mit Wackelkontakt

Auch beim Datum wird es wacklig. Das Logbuch verzeichnet den 9. September 1947. Hopper selbst datierte den Vorfall in ihrer Erinnerung auf den Sommer 1945. Das Foto der US Navy trägt bis heute die Jahreszahl 1945. Auch das Marinemuseum in Dahlgren beschriftete das Logbuch 1988 fälschlich mit 1945. Nur: Der Mark II war im Sommer 1945 nicht einmal fertig. Dass sie sich um ganze zwei Jahre irrte, zeigt vor allem, wie oft sie die Anekdote erzählt hat.

Edison und der Käfer im Telefon

Wer den Begriff wirklich historisch nachverfolgen will, landet schließlich bei Thomas Edison. 1878 schrieb er an seinen Geschäftspartner Theodore Puskas, dass im Umgang mit einer von Edisons Erfindungen Schwierigkeiten auftauchen. Diese kleinen Fehler nenne man „Bugs“, und bis zum Erfolg brauche es Monate an Beobachtung und Arbeit. Im selben Jahr spielte er in einem Brief an Western-Union-Präsident William Orton mit dem Wort. Er tat so, als habe er ein Insekt der Gattung „callbellum“ gefunden.

Im März 1889 meldete die Pall Mall Gazette, Edison habe zwei Nächte lang einen „Bug“ in seinem Phonographen gejagt. Schon 1888 hatte der Telegrafie-Autor William Maver geschrieben, das Wort stamme von Edison. 1892 nahm Thomas Sloane „Bug“ in sein Standard Electrical Dictionary auf, als Fehler in Verbindungen oder Betrieb elektrischer Geräte. Ob Edison das Wort erfand, lässt sich nicht beweisen. Zu den frühesten dokumentierten Nutzern gehört er auf jeden Fall.

Vom Kobold zum Kurzschluss

Doch es geht noch weiter zurück: Das mittelenglische „bugge“ bedeutete Kobold oder Monster und steckt noch in Bugbear und Bugaboo. Aus dem Schreckgespenst wurde mit Beginn des Industriezeitalters ein Plagegeist im Apparat. Eine Telefon-Fachzeitschrift druckte 1924 einen Comic, in dem „Bug Hunter“ als Spitzname für Reparateure auftaucht. Ein Flipperautomatenhersteller warb 1931 damit, dass seine Geräte "frei von Bugs" seien. Isaac Asimov ließ 1944 in einer Kurzgeschichte einen Roboter mit Bugs kämpfen. Als die Techniker in Cambridge 1947 ihre Motte einklebten, gehörte das Wort also längst zum Alltag in der Branche.

Bug-Report mit Beweisstück

Das Logbuch kam von der Navy in die Sammlung des National Museum of American History. Die Motte liegt bis heute im Buch, auch wenn es derzeit nicht ausgestellt ist. Im Katalog steht sie unter dem Material „biologicals“. Der Eintrag wirkt trocken, ist aber die schönste Fußnote der Geschichte.

Wer das nächste Mal „nicht reproduzierbar“ in ein Ticket schreibt, sollte an Relais 70 denken. Dort klebte das Beweisstück gleich mit im Bericht.

Quellen und weiterführende Links

19.09.2026

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