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Kein Insta vor 15 - aber auch kein funktionierendes WLAN in der Schule
In einem Klassenzimmer irgendwo in Deutschland hängt der Beamer seit Jahren an einem ausgeleierten VGA-Kabel, weil das Budget für Ersatzteile schon vor der letzten Renovierung aufgebraucht war. Fünfhundert Kilometer weiter, in Straßburg, verkündet Ursula von der Leyen an diesem Mittwoch die Zukunft der digitalen Kindheit Europas. Und die heißt vor allem: Verbot.
Der Plan: Kein Account vor 13, kein eigener vor 15
Von der Leyen hat es in ihrer Rede zur Lage der Union klar formuliert: "Kein Social Media unter 13." Zwischen 13 und 15 Jahren soll es eine besonders eingeschränkte Kontennutzung geben, ein eigenständiges Konto erst ab 15. Der dazugehörige Gesetzentwurf, der "EU Kids Act", wird bereits für Donnerstag erwartet, offiziell vorgestellt von Kommissionsvizepräsidentin Henna Virkkunen.
Geplant sind außerdem Designvorgaben: Endlos-Scrollen für die betroffene Altersgruppe soll verboten werden, ebenso süchtig machende Features und die Nutzung von Kinderfotos für KI-generierte Sexualisierung. Was ja grundsätzlich richtig ist, aber warum gab es bisher keine Mechanismen, die Pädophilen das Handwerk legt? Richtig, es ist rein technisch kaum umsetzbar - aber vielleicht hilft gerade die derzeit so skeptisch beäugte KI weiter. Mal sehen.
Aber unsere Kiddies sind ja nicht blöd, auch daran hat man gedacht. Damit niemand einfach ein falsches Geburtsdatum einträgt, soll es EU-weite Systeme zur Altersverifikation geben, ein Feld, auf dem sich die Kommission mit ihrer "Mini-Wallet" bereits einmal versucht hat, ohne dass die Mitgliedstaaten sonderlich begeistert reagierten.
Ihre Begründung liefert von der Leyen gleich mit: Kinder würden heute vier bis sechs Stunden täglich vor Bildschirmen verbringen. Und, so die Kommissionspräsidentin, Kinder bräuchten "die Zeit, sich zu langweilen", um nachzudenken und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Klingt nach einem Satz, den man auch 1985 schon über das Fernsehen gehört hat. Nur mit flimmerndem Röhrenbild statt flackerndem Feed. Warum nicht gleich zum Wehrsport zum Handgranatenattrappenweitwurf? Körper und Geist, ihr wisst schon...
Klar ist: der geplante EU Kids Act könnte das Online-Angebot massiv verändern, da künftig die strengen Altersprüfungen auch für Erwachsene nötig würden. Finanzieren sollen das natürlich die betroffenen Plattformen, aber auch hauseigene Tools sollen zum Einsatz kommen, die natürlich noch hergestellt werden müssen. Erwartbar für gigantische Entwicklungssummen, man kennt das.
Die Kernpunkte im Überblick:
- Mindestalter 15 Jahre: Eigenständige Konten auf „riskanten“ Plattformen (z. B. TikTok, Instagram, YouTube) sind erst ab 15 gestattet. Für 13- bis 15-Jährige ist ein eingeschränkter „Einführungsaccount“ vorgesehen.
- Pflicht zur Alterskontrolle: Plattformen, App-Stores und Spieleentwickler müssen das Alter aller Nutzenden prüfen - etwa über eine EU-eigene App. Einzig langjährig bestehende Konten sind ausgenommen.
- Elterliche Kontrolle: Unter 15-Jährige dürfen riskante Dienste nur mit elterlicher Überwachung nutzen. Auch auf kinderfreundlichen Plattformen gilt dies für unter 13-Jährige. Voraussetzung ist ein verifiziertes Elternkonto.
- Sicheres Design (Protection by Design): Verbot suchtfördernder Funktionen (z. B. Infinite Scrolling) für Minderjährige sowie verbesserter Schutz vor Kontakten mit Fremden und personalisierten Algorithmen.
- Beweislastumkehr für Großkonzerne: Sehr große Plattformen (nach DSA) müssen geplante Schutzkonzepte vorab einreichen. Die EU-Kommission entscheidet innerhalb von 30 Tagen über die Freigabe neuer Dienste oder Funktionen. Finanziert wird die Aufsicht über eine Abgabe der Anbieter. Alleine das riecht nach einer erklecklichen Anzahl neuer Planstellen für EU-Bürokraten.
Nebenbei erwähnt: Ein Sicherheitsrat für den Ernstfall
Kinder wegsperren war an diesem Vormittag übrigens nicht das einzige große Vorhaben. Von der Leyen kündigte außerdem einen Mechanismus nach dem Vorbild von Artikel 4 des Nato-Vertrags an, eine Art Frühwarnsystem für hybride Angriffe, Sabotage und Cyberattacken - sowie einen neuen Europäischen Sicherheitsrat, der die politische Abstimmung in Krisenfällen bündeln soll. Details zu Zusammensetzung und Kompetenzen? Fehlanzeige. Schon Angela Merkel warb 2018 für die Idee, gescheitert ist sie damals an ungeklärten Zuständigkeiten und dem Misstrauen kleinerer Staaten. Man darf gespannt sein, ob das dieses Mal anders läuft. Aber das nur am Rande - zurück zu den Kindern.
Wisst ihr, was auch Zeit raubt? Ein Whiteboard-Kabel suchen
Während Brüssel über Doomscrolling-Verbote diskutiert, kämpfen deutsche Schulen mit deutlich profaneren Problemen. Der erste Digitalpakt Schule ist im Mai 2024 ausgelaufen, sein Nachfolger, der Digitalpakt 2.0, konnte erst zum 1. September 2026 starten - nach monatelangem Streit über rückwirkende Zahlungen und eine wachsende Förderlücke. Fünf Milliarden Euro sollen jetzt bis 2030 fließen, Bund und Länder teilen sich die Kosten.
Was das bisher gebracht hat, zeigt eine aktuelle Bitkom-Befragung: WLAN-Mängel als dringendstes Problem sind zwar von 87 Prozent auf 59 Prozent zurückgegangen, aber knapp vier von zehn Schüler:innen halten die digitale Ausstattung ihrer Schule weiterhin für unzureichend. IT-Support und Wartung bleiben an vielen Standorten ein Dauerproblem (nicht selten von ambitionierten Lehrkräften, aber auch Schülern erledigt), digitale Endgeräte werden nicht zuverlässig ersetzt, und die Fortbildung von Lehrkräften in digitaler Pädagogik hinkt spürbar hinterher. Zur Einordnung: Bei der letzten PISA-Erhebung fiel fast ein Drittel der deutschen Schüler in Mathematik unter das Basisniveau - Tendenz seit Jahren steigend.
Man könnte also sagen: Der Staat schafft es seit über einem Jahrzehnt nicht zuverlässig, ein Klassenzimmer ans Netz zu bringen. Aber ein europaweites Alterskontrollsystem für Instagram, das binnen weniger Jahre steht und funktioniert? Das trauen wir uns zu.
Was Fachleute sagen, wenn man sie mal fragt
Der Deutsche Ethikrat hat sich in einer 87-seitigen Stellungnahme klar gegen ein pauschales Social-Media-Verbot für Minderjährige ausgesprochen und vor den Risiken von Alterskontrollsystemen gewarnt. Auch die 18-köpfige Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt", die im Auftrag der Bundesregierung monatelang gearbeitet hat, konnte sich nicht auf ein klares Ja zum Verbot einigen. Stattdessen liegt der Fokus ihrer Empfehlungen auf etwas völlig anderem: verbindliche, sichere Voreinstellungen bei den Plattformen selbst - keine algorithmisch gesteuerten Feeds, keine personalisierte Werbung an Minderjährige, keine Endlos-Scroll-Mechanik von Haus aus. Der Gedanke dahinter, zusammengefasst von Kommissionsvorsitzendem Olaf Köller: Nicht die Kinder sollen sich der digitalen Welt anpassen müssen, sondern die Plattformen ihr Design an die Kinder.
Das ist natürlich deutlich unsexier als ein knackiges Verbot mit Altersgrenze. Es bedeutet nämlich Arbeit - Regulierung von Geschäftsmodellen, Druck auf Meta, TikTok und Co., Durchsetzung des ohnehin schon bestehenden Digital Services Act. Ein Verbot dagegen lässt sich in einer Rede verkünden, beklatschen und danach an die Mitgliedstaaten weiterreichen, die sich dann jahrelang über Zuständigkeiten streiten können. Vorbild ist ausgerechnet Australien, wo seit Dezember 2025 Unter-16-Jährige keine eigenen Konten bei zehn großen Plattformen mehr haben dürfen - wie gut das tatsächlich funktioniert, wird sich erst zeigen.
Zwei Wege, zwei völlig unterschiedliche Rechnungen
| Ansatz | Verbot (EU Kids Act) | Befähigung (Empfehlung der Fachkommission) |
|---|---|---|
| Grundidee | Kinder von riskanten Plattformen fernhalten | Plattformen und Schulen verpflichten, Kinder mitzunehmen |
| Wer muss handeln | Eltern, Kinder, Alterskontrollsysteme | Plattformbetreiber, Schulträger, Politik |
| Sichtbarkeit | Hoch - eine Schlagzeile, ein Gesetz | Niedrig - viele kleine, mühsame Reformen |
| Umsetzungsdauer | EU-weite Alterskontrolle, Zeitplan offen | Läuft über Jahre, betrifft Infrastruktur und Ausbildung |
| Risiko | Umgehung, Datenschutzprobleme bei Altersverifikation | Politischer Widerstand von Big Tech |
Der Haken an der ganzen Geschichte
Niemand bestreitet ernsthaft, dass Kinder vor Suchtmechanismen, Cybermobbing und KI-Sexualisierung geschützt werden müssen. Das ist keine Glaubensfrage. Die Frage ist, wer die Rechnung für diesen Schutz bezahlt und wer sich davor drückt. Ein Verbot verlagert die Verantwortung auf Familien und Verifikationssysteme. Es zwingt keine einzige Plattform, ihren Algorithmus zu ändern. Es baut kein einziges WLAN aus. Es bildet keine einzige Lehrkraft fort.
Und falls der Digitalpakt 2.0 in den nächsten fünf Jahren ungefähr so zügig läuft wie sein Vorgänger, werden Europas Fünfzehnjährige 2030 endlich einen Instagram-Account eröffnen dürfen - vorausgesetzt, dass das Schul-WLAN bis dahin vernünftig läuft.
Foto: ©2021 Dati Bendo, Creative Commons Attribution 4.0 International
16.09.2026
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