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Von BackRub zu Alphabet: Anfang September 1998 wurde Google gegründet
Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, weiß allerdings nicht mehr, nach was ich genau gesucht habe. Nur dass ich mehr oder weniger gelangweilt eine langsame und mit knallbunten Werbebannern zugekleisterte Suchmaschine wie Lycos oder Excite beklickt habe - wie seinerzeit üblich ohne wirklich relevante Suchergebnisse, dafür noch mehr Werbebanner. Dann bin ich über Google gestolpert. Ein buntes Logo und ein Suchfeld - und konnte gar nicht glauben, wie schnell das Suchergebnis ausgeliefert wurde. Das war einfach nur Magie. Vor einer Viertelsekunde hatte ich doch noch auf den Button geklickt??? Wie geht das???
Sie ahnen es, es geht um Google, die Mutter aller Suchmaschinen, wie ich den Laden gerne nenne. Und diese Geschichte hat Anfang September 1998 angefangen. Aber eben nicht mit einem durchdachten Businessplan, solider Finanzierung oder einem klaren Marktauftritt. Die Google-Geschichte beginnt mit zwei Doktoranden, die sich eigentlich gar nicht ausstehen konnten, führt über eine Garage mit blauem Teppichboden und endet - vorläufig - bei einem der wertvollsten Konzerne der Welt, der sich aus Imagegründen selbst einen Dachkonzern verpasst hat. Dazwischen liegen ein Tippfehler, der zum Markennamen wurde, ein Scheck über 100.000 Dollar an eine Firma, die es noch gar nicht gab, und ein E-Mail-Dienst, den halb Amerika für einen Aprilscherz hielt. Zeit, diese Geschichte mal von vorne zu erzählen.
Zwei, die sich zunächst gar nicht mochten
1995 an der Stanford University: Larry Page überlegt, ob er dort promovieren soll, und Sergey Brin, damals schon Student vor Ort, bekommt den Job, ihm die Uni zu zeigen. Was danach passiert, ist einer dieser Anekdoten, die zu gut klingen, um wahr zu sein, aber offenbar wahr sind - die beiden waren sich bei so ziemlich jedem Thema uneinig. Aus dem holprigen Rundgang wurde trotzdem, oder gerade deshalb, im Jahr darauf eine Zusammenarbeit. Page hatte sich in seiner Doktorarbeit auf eine Frage festgebissen, die auf den ersten Blick banal wirkt: Wer im Web auf wen verlinkt, sagt etwas darüber aus, wie wichtig eine Seite ist. Ein Hyperlink, so seine These, ist im Grunde ein Zitat. Brin, der Mathematiker im Duo, fand das Problem immerhin interessant genug, um seine eigene Doktorarbeit gleich mit hineinzustecken.
1996 bauten sie dafür einen Crawler, der auf Pages Stanford-Homepage losgeschickt wurde und sich von dort systematisch durchs Web fraß. Das Ergebnis nannten sie BackRub - benannt nach den "Backlinks", auf die die Software ihr ganzes Augenmerk richtete. Der Name blieb zum Glück nicht.
Serverfarm aus dem Baumarkt
Was heute in gigantischen Rechenzentren läuft, fing in einem Studentenwohnheim an - auf zusammengeschraubten, günstigen PCs statt teurer Profi-Hardware. Page, der schon als Kind eine funktionierende Lego-Druckmaschine gebaut hatte, wollte keine teure Serverumgebung mieten, sondern eine eigene aus billigen Einzelteilen zusammenbauen. Diese improvisierte Sparsamkeit wurde später zu einem der Erfolgsrezepte von Google: lieber viele günstige Maschinen parallel betreiben als auf wenige teure setzen. Ein Prinzip, das die gesamte Rechenzentrumsbranche bis heute prägt.
1998 veröffentlichten Page und Brin ihre Arbeit "The Anatomy of a Large-Scale Hypertextual Web Search Engine" - eine der meistzitierten Arbeiten der frühen Internet-Forschung. Aus der akademischen Fingerübung war inzwischen unübersehbar mehr geworden.
Ein Tippfehler, der zur Marke wurde
Am 15. September 1997 passierte etwas, das man rückblickend kaum glauben mag: Bei der Suche nach einem neuen Namen für ihr Projekt brainstormten Page und ein paar Kommilitonen an der Tafel. Einer der Kommilitonen, Sean Anderson, warf "Googolplex" in den Raum - eine Zahl mit einer Eins gefolgt von einer Googol-Anzahl Nullen, also eine geradezu absurd große Zahl. Page kürzte spontan auf "Googol", eine 1 mit 100 Nullen, weil es die schier endlose Menge an Informationen im Web treffend beschrieb, die sie ordnen wollten. Anderson setzte sich an den Rechner, um zu prüfen, ob die passende Domain noch frei war - und vertippte sich. Er suchte nach "google.com". Verfügbar. Page fand den Zufallstreffer besser als das Original und sicherte sich die Domain, bevor irgendjemand die Sache noch einmal überdenken konnte. Der korrekt geschriebene "Googol.com" gehörte da schon jemand anderem, der sich später auch nicht dazu überreden ließ, ihn wieder herzugeben.
Aus einem Rechtschreibfehler wurde so einer der bekanntesten Markennamen der Welt - und Jahre später sogar ein Eintrag im Duden, als Verb: "Googeln" steht heute exemplarisch für die Suche im Web.
100.000 Dollar für eine Firma, die es noch nicht gab
Im August 1998 bekamen Page und Brin Besuch von Andy Bechtolsheim, einem der Sun-Microsystems-Mitgründer. Die Demo überzeugte ihn so sehr, dass er auf der Stelle einen Scheck über 100.000 Dollar ausstellte - ausgestellt auf "Google Inc.", eine Firma, die zu diesem Zeitpunkt schlichtweg noch gar nicht existierte. Wer einen Scheck über sechsstellige Summen bekommt, kann ihn aber schwer einlösen, ohne die passende Firma auch tatsächlich zu gründen. Also mussten Page und Brin ziemlich zügig Nägel mit Köpfen machen und Google Inc. offiziell aus der Taufe heben.
Mit dem frischen Kapital zogen sie aus dem Wohnheim aus - und in eine Garage in Menlo Park. Die gehörte Susan Wojcicki, die die Räumlichkeiten den beiden für 1.700 Dollar im Monat samt Kaution untervermietete. Mit ihrem frisch gekauften Haus war die Dame nämlich gerade finanziell etwas knapp bei Kasse. Wojcicki wurde später selbst Google-Mitarbeiterin Nummer 16, prägte mit AdWords und Analytics einen guten Teil des heutigen Geschäftsmodells und stieg schließlich zur CEO von YouTube auf. Die Garage mit klapprigen Rechnern, Tischtennisplatte und knallblauem Teppichboden gibt es bei Google Street View bis heute virtuell zu besichtigen - als eine Art firmeneigenes Museum der eigenen Bescheidenheit.

Foto: ©2011 Jordiipa, Die Google-Garage in der Santa Margarita Avenue in Menlo Park, CC BY-SA 3.0
Von der Garage zum Weltkonzern - die Kurzversion
Die folgenden Jahre lesen sich wie eine einzige Steilkurve, von der andere Unternehmen nur träumen können. Ein Überblick über die wichtigsten Stationen:
| Jahr | Meilenstein |
|---|---|
| 1996 | Start des Projekts BackRub an der Stanford University |
| 1997 | Registrierung der Domain google.com (durch einen Tippfehler) |
| 1998 | Offizielle Gründung von Google Inc., Einzug in die Garage in Menlo Park |
| 2000 | Start von AdWords, dem späteren Werbegeschäft und Umsatztreiber |
| 2004 | Börsengang per ungewöhnlicher Dutch-Auction, Start von Gmail |
| 2005 | Start von Google Maps |
| 2006 | Übernahme von YouTube |
| 2008 | Start des Chrome-Browsers |
| 2015 | Umstrukturierung zum Dachkonzern Alphabet Inc. |
| 2019 | Sundar Pichai übernimmt CEO-Posten von Google und Alphabet |
Der Börsengang, der eigentlich ein Reinfall war
2004 wagte Google den Schritt an die Börse - und wählte dafür bewusst kein klassisches Verfahren, sondern eine modifizierte Dutch Auction. Die Idee dahinter passte zum damaligen Firmenmotto "Don't Be Evil": Nicht nur ein paar bevorzugte Großinvestoren sollten zum Zug kommen, sondern auch Kleinanleger sollten fair mitbieten können. In der Theorie elegant, in der Praxis holprig. Die ursprünglich angepeilte Preisspanne von 108 bis 135 Dollar pro Aktie musste wegen mauer Nachfrage auf 85 bis 95 Dollar gesenkt werden, am Ende ging das Papier für schlappe 85 Dollar über die Bühne. Die Presse feierte das Debakel süffisant als gescheitertes Experiment. Am ersten Handelstag kletterte die Aktie dann prompt um 18 Prozent - was zeigte, dass der Markt die Aktie eigentlich deutlich höher bewertet hätte. Wer sich davon nicht beirren ließ und mit 1.000 Dollar einstieg, konnte zwei Jahrzehnte später ein Vielfaches davon einheimsen.
Ein Aprilscherz
Google hatte sich bis 2004 längst einen Ruf als Unternehmen mit Hang zum Klamauk erarbeitet - jedes Jahr am 1. April durften sich Nutzer auf mehr oder weniger absurde Fake-Produkte gefasst machen, von einer angeblichen Mondstation bis zur Suche mit Duftfunktion. Ausgerechnet an diesem Tag im Jahr 2004 verkündete das Unternehmen dann tatsächlich etwas Neues: Gmail, mit sagenhaften einem Gigabyte Speicherplatz pro Konto. Zum Vergleich: Die Konkurrenz von Hotmail und Yahoo bot zu diesem Zeitpunkt gerade einmal einen Bruchteil, ja Promille davon. Kein Wunder, dass die Ankündigung kaum jemand ernst nahm. Selbst die Nachrichtenagentur AP musste nach Veröffentlichung ihrer Meldung erst einmal beschwichtigende Anrufe entgegennehmen, weil Leser überzeugt waren, man sei Google auf den Leim gegangen. War man aber nicht. Der Gmail-Programmierer Paul Buchheit, seines Zeichens Mitarbeiter Nummer 23, nannte das interne Projekt übrigens "Caribou" - nach einem running gag aus dem Comicstrip Dilbert. Heute nutzen Milliarden Menschen den Dienst, der einst als schlechter Scherz abgetan wurde.
Vom Suchfeld zum Konglomerat: Warum aus Google plötzlich Alphabet wurde
2015 kam die vielleicht überraschendste Volte der Firmengeschichte. Google, längst nicht mehr nur Suchmaschine, sondern auch Betreiber von Android, YouTube, Cloud-Diensten und diversen hochambitionierten "Moonshot"-Projekten wie selbstfahrenden Autos, wurde in einen Dachkonzern namens Alphabet Inc. umgewandelt. Die Idee dahinter: Das klassische Google-Geschäft mit Suche, Werbung und den bekannten Produkten sollte sauber getrennt werden von den spekulativeren Zukunftswetten wie Waymo oder der Biotech-Sparte Calico. Page wechselte an die Alphabet-Spitze, während Sundar Pichai, bis dahin verantwortlich für Android und Chrome, das operative Geschäft von Google übernahm.

Foto: ©2016 Asoundd, Googleplex Headquarters, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0
Ganz uneigennützig war der Schachzug übrigens nicht: Die Aufteilung ließ sich den Investoren gut verkaufen und die Aktie legte nach der Ankündigung spürbar zu. Vier Jahre später, Ende 2019, zogen sich Page und Brin dann endgültig aus dem operativen Geschäft zurück. In einem launigen Abschiedsbrief verglichen sie Google mit einem 21-Jährigen, der es an der Zeit sei, das elterliche Nest zu verlassen - Pichai wurde CEO von beidem, Google und Alphabet. Die Gründer selbst blieben als Großaktionäre und Board-Mitglieder im Hintergrund präsent, ohne sich noch öffentlich groß in Szene zu setzen.
Was von der Garage übrig blieb
Von zwei zerstrittenen Stanford-Studenten mit einem Server aus Baumarktteilen zu einem Konzern, der ganze Branchen prägt - diese Entwicklung wirkt im Rückblick fast zwangsläufig. War sie natürlich nicht. Ohne den Tippfehler bei der Domainregistrierung, ohne den Scheck eines Investors an eine noch nicht existente Firma, ohne eine Garagenvermieterin mit Kapitalbedarf hätte die Geschichte an mehreren Stellen ganz anders verlaufen können. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass hinter den großen, glattpolierten Konzernnarrativen meist eine ziemlich chaotische, von Zufällen durchsetzte Wirklichkeit steckt. Nur erzählt die eben kaum jemand so gerne - was wir hiermit geändert haben.
10.09.2026
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