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Immer noch Neuland: Angela Merkel warnt vor KI

Angela Merkel hat sich zu Wort gemeldet und sich ein paar Speaker-Euros dazuverdient. Bei der Digitalkonferenz Digital X in Köln, ausgerichtet von der Deutschen Telekom, hat sie mehr Regulierung für Künstliche Intelligenz gefordert, vor Fehlern von Chatbots gewarnt und gemahnt, Politik und Gesellschaft müssten die Kontrolle über die Technologie behalten. Man muss diesen Satz kurz wirken lassen. Die Frau, die 2013 das Internet öffentlich als "Neuland" bezeichnete und damit für den Rest ihrer Amtszeit als digitalpolitisches Gesicht der Bundesrepublik unsterblich wurde, warnt jetzt vor unkontrollierter KI. Ist das jetzt Unbelehrbarkeit oder schon Altersstarrsinn? Ich frage für einen Freund...

"Um Gottes willen" - ein Satz, der Bände spricht

Gefragt von der Publizistin Miriam Meckel, ob sie eigentlich ihr Leben mit einem Chatbot bespreche, antwortete Merkel knapp: Nein, um Gottes willen, solange sie nette menschliche Gesprächspartner habe, brauche sie das nicht. Man kann das charmant finden. Man kann es aber auch als ziemlich treffendes Symbolbild für den gesamten deutschen Umgang mit digitaler Technologie der letzten zwei Jahrzehnte lesen: erst mit spürbarem Unbehagen aus der Distanz betrachten, dann irgendwann feststellen, dass man an der Sache eigentlich nicht mehr vorbeikommt, und schließlich öffentlich Regeln dafür fordern, wie andere damit umzugehen haben.

Die Rede, die die KI sich einfach ausgedacht hat

Interessanter als das Bekenntnis zur persönlichen Zurückhaltung war die Anekdote, die Merkel im Anschluss lieferte. Beim Schreiben von Reden habe sie sich KI-Unterstützung geholt, mit gemischten Ergebnissen: Ein Tool habe eine falsche Annahme über die berufliche Vergangenheit eines indischen Politikerkollegen zunächst kommentarlos als Fakt übernommen und die Geschichte anschließend sogar noch mit erfundenen Details angereichert. Erst eine zusätzliche Faktenprüfung habe den Fehler aufgedeckt. Ihre Schlussfolgerung: Man müsse aufpassen, dass diese Chatbots einem eigentlich nur gefallen wollen. Das ist, für sich genommen, eine vernünftige und technisch nicht falsche Beobachtung zum Halluzinationsproblem großer Sprachmodelle. Sie kommt nur ausgerechnet von der Politikergeneration, die zwei Jahrzehnte Zeit hatte, digitale Kompetenz systematisch in Schulen, Verwaltung und Gesetzgebung zu verankern, und stattdessen lieber Aktenordner und Faxgeräte am Leben erhalten hat.

Kontrolle fordern, nachdem man die Infrastruktur verpennt hat

Der eigentliche Treppenwitz steckt in der Forderung selbst. Merkel warnte in Köln davor, dass Deutschland und Europa die Kontrolle über KI verlieren könnten, und regte an, jeder möge abends mal reflektieren, wie viele persönliche Daten er an amerikanische Rechenzentren geliefert habe. Nur: Dass praktisch die gesamte relevante KI-Infrastruktur heute bei amerikanischen und zunehmend chinesischen Konzernen liegt und europäische Alternativen bestenfalls eine Fußnote sind, ist kein Naturgesetz. Das ist das direkte Resultat von 16 Jahren Regierungspolitik, in denen Breitbandausbau, digitale Verwaltung und eine ernsthafte Tech-Industriepolitik in Deutschland eher als lästige Pflichtübung behandelt wurden als als strategische Notwendigkeit. Wer beim Netzausbau europäisches Schlusslicht wird, sollte sich nicht wundern, wenn am Ende die Kontrolle über die Zukunftstechnologie eben auch woanders liegt.

Das ist im Übrigen keine steile These, sondern seit Jahren in jedem einschlägigen Digitalranking nachzulesen: Egal ob man auf den Breitbandausbau, die Digitalisierung der Verwaltung oder die Verfügbarkeit von E-Government-Diensten schaut, Deutschland taucht im europäischen Vergleich zuverlässig im hinteren Mittelfeld auf. Das kommt nicht von ungefähr, sondern von zwei Jahrzehnten Verwaltungshandeln, in denen "Neuland" eben nicht nur ein unglücklich formulierter Satz, sondern ziemlich genau die politische Haltung dahinter war.

Regulierung ist nicht das Problem - aber Glaubwürdigkeit wäre schön

Damit das nicht falsch ankommt: Die Forderung nach mehr KI-Regulierung ist inhaltlich nicht per se falsch. Halluzinierende Chatbots, fragwürdiger Umgang mit Nutzerdaten, mangelnde Transparenz bei Trainingsdaten - das sind alles reale Probleme, über die man diskutieren sollte, und die EU hat mit der KI-Verordnung durchaus schon einen (nicht unumstrittenen) Rahmen dafür geschaffen. Nur wirkt die Forderung ausgerechnet aus diesem Mund seltsam verspätet. Es ist die immer gleiche Choreografie deutscher Digitalpolitik: Erst eine neue Technologie ein Jahrzehnt lang misstrauisch beäugen, dass ein Dr. Röntgen seine helle Freude daran hätte. Gleichzeitig die eigene digitale Infrastruktur sträflich vernachlässigen, und dann, sobald sie längst globaler Alltag geworden ist, mit erhobenem Zeigefinger Regeln für andere fordern. Kontrolle behalten will man gern - nur hätte man dafür vor zwanzig Jahren anfangen müssen, nicht erst auf einer Bühne in Köln, nachdem ChatGPT & Co. das Rennen längst gemacht haben.

Übrigens: Die Regulierung und die juristische Ausformulierung digitaler Prozesse hat nicht verhindert, dass die Berliner Senatsverwaltung aufgrund von Unwissen, Ignoranz und Arroganz den größten Datengau ihrer Geschichte um die Ohren gehauen bekommen hat. Klug eingesetzte künstliche Intelligenz hätte hier - sogar weitgehend autonom - Angiffsmuster erkennen und sowohl Datenabfluss als auch den nicht wiedergutzumachenden Reputationsschaden verhindern können. KI ist eben nicht nur der Chatbot irgendeines Anbieters, vielleicht sollte das mal jemand der ehemaligen Bundeskanzlerin verklickern.

Eine Randnotiz aus der Politik-Bubble

Für alle, die im Alltag mit Kunden, Websites und digitalen Prozessen zu tun haben, ist das am Ende interessant als Stimmungsbild einer Generation, die ihre Korrespondenz noch mit der Schreibmaschine verfasst hat. Der eigene Umgang mit KI-Werkzeugen sieht doch ganz anders aus. Wer Chatbots produktiv einsetzt, weiß längst, dass man Ergebnisse gegenprüfen muss, dass Halluzinationen ein reales, aber beherrschbares Problem sind, und dass Datenschutz beim Toolauswahl kein netter Zusatz, sondern Pflichtprogramm ist. Dafür braucht es keine Talkshow-Weisheit von 2026, sondern schlicht sauberes Handwerk. Die Politik darf sich derweil gerne weiter fragen, warum ausgerechnet die Generation, die "Neuland" gesagt hat, jetzt erklärt, wie man die Kontrolle über die nächste Technologiewelle behält.

09.09.2026

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