Aktuelles
Wer kontrolliert das Wissen der Welt?
Wenn von KI gesprochen wird, geht es meistens um Sprachmodelle, um Rechenleistung und um Energieverbrauch. Abseits von den technischen Schlagzeilen rückt inzwischen ein weiterer Aspekt immer mehr den Vordergrund. Das Internet scheint leergelutscht, deshalb kaufen KI-Konzerne die Antiquariate leer, um KI-Modelle zu trainieren - auch in Deutschland. Das riecht geradezu nach einer Privatisierung unseres kulturellen Gedächtnisses.
Kaufrausch im Antiquariat
Anfang 2026 wurde im Rahmen einer US-Urheberrechtsklage gegen Anthropic bekannt, dass der Konzern im „Project Panama“ systematisch Millionen gedruckter Bücher aufkaufte, einscannte und als Trainingsmaterial für den Chatbot Claude nutzte. Auch im deutschsprachigen Raum häuften sich daraufhin nächtliche Großbestellungen bei Antiquariaten - oft für hunderte Sachbücher, geliefert an Zwischenlager in Ostdeutschland. Schätzungen gehen von rund 700.000 Titeln allein aus dem deutschen Sprachraum aus.
Altpapiersammlung
Das frei zugängliche Internet ist für die KI-Entwicklung weitgehend ausgeschöpft. Um Sprachmodelle weiterzuentwickeln, suchen Tech-Konzerne nach hochwertigen, noch ungenutzten Daten. In alten Fachbüchern und wissenschaftlichen Werken schlummert ein gewaltiger Wissensschatz, der nie digitalisiert wurde.
Eine Vernichtung von Kulturgut findet dabei nicht statt: Gekauft wird jeweils nur ein Exemplar. Der physische Bestand der Werke bleibt der Welt erhalten. Da und dort ist allerdings die Rede davon, dass Bücher nach dem Einscannen vernichtet werden.
Das Problem ist nicht das Einscannen - sondern das Monopol
Rechtlich bewegen sich die Konzerne in einer Grauzone. Zwar erlaubt das europäische Urheberrecht Text-und-Data-Mining unter bestimmten Bedingungen, eine automatische Vergütung für Autoren oder Verlage sieht es jedoch nicht vor. Sobald die Daten auf US-Servern landen, gilt zudem amerikanisches Recht.
Das eigentliche Risiko liegt jedoch in der Kontrolle über Information. Bisher dienten Bibliotheken als offene Wissensspeicher, in denen jeder Quellen vergleichen konnte. KI-Systeme hingegen filtern, gewichten und liefern fertige Antworten. Wenn wenige Privatkonzerne das analoge Erbe der Menschheit aufkaufen und hinter verschlossenen Türen verarbeiten, werden sie zu unkontrollierten Pförtnern unserer Wahrnehmung.
Gegen die Digitalisierung von Büchern spricht erst einmal nichts. Doch es macht einen entscheidenden Unterschied, ob Wissen gemeinnützig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird - oder ob Tech-Mogule das kulturelle Gedächtnis privatisieren. Wir brauchen Transparenz über Trainingsdaten, faire Modelle für Urheber und den Schutz von Wissen als öffentliches Gut.
Foto: Tom Woodward, Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic
18.08.2026
![]()
Alle News vom TAGWORX.NET Neue Medien können Sie auch als RSS Newsfeed abonnieren, klicken Sie einfach auf das XML-Symbol und tragen Sie die Adresse in Ihren Newsreader ein!
TAGWORX.NET Neue Medien




