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Uh-oh: ICQ ist zurück - und niemand weiß so richtig, wer dahinter steckt

ICQ-RebornEs gibt Geräusche, die sich tiefer ins Gedächtnis brennen als jede Melodie. Der Klingelton des ersten Handys. Das Modem-Kreischen beim Einwählen. Und eben dieses eine kurze, leicht schepprige „Uh-oh“, das früher bedeutete: Jemand aus dem Internet will gerade mit dir reden. Wer in den frühen 2000ern online war, hört diesen Ton vermutlich gerade unfreiwillig im Kopf, nur weil er diesen Satz gelesen hat. Bitte, gern geschehen.

Und jetzt, gut zwei Jahre nach dem offiziellen Ende von ICQ, ist genau dieser Ton wieder da. Nicht offiziell, nicht von den einstigen Betreibern, sondern von einem Fanprojekt, das sich schlicht ICQ Reborn nennt - und das seit ein paar Tagen für ordentlich Aufsehen sorgt, inklusive Berichterstattung bei heise, WinFuture, Hardwareluxx und diversen anderen Fachmedien - ganz ohne PR-Fachleute, das muss man auch erst mal schaffen.

The Walking Dead Messenger

Was zur Hölle ist ICQ Reborn? Kurz gesagt: ein kostenloser Windows-Client, der optisch und funktional sehr eng an die ICQ-Version aus den Jahren 2001 bis 2003 angelehnt ist, die Älteren unter uns werden sich erinnern. Eine unabhängige Entwicklergruppe hat die Software rund zwei Jahre nach der offiziellen Abschaltung des einstigen Kult-Messengers veröffentlicht. Die schmale Kontaktliste ist zurück, die vertrauten Schaltflächen sind zurück, und ja, auch der Sound ist zurück - wobei ein Kollege von Digitec/Galaxus in seiner Berichterstattung süffisant anmerkt, das Ganze klinge für ihn bis heute eigentlich eher nach „Ah-oh“ als nach „Uh-oh“. Nun, Geschmackssache. Oder Gehörsache. ICQ-Nutzer von früher dürften heute bereits vermehrt Hörgeräte tragen.

Wer sich anmelden möchte, bekommt eine neue UIN, also eine User Identification Number, über die einen andere Nutzer finden und als Kontakt hinzufügen können. Die alte Nummer aus 2003 bringt einem dabei leider gar nichts, so schön nostalgisch die Erinnerung daran auch sein mag. Mit dem ursprünglichen ICQ hat die Neuauflage technisch nämlich rein gar nichts zu tun: Das Community-Projekt betreibt komplett eigene Server und steht in keinerlei Verbindung zum früheren Betreiber VK, weshalb sich alte Nummern, Kontakte oder Nachrichten weder übernehmen noch wiederherstellen lassen. Wer mitmachen will, fängt bei null an, mit einer leeren Kontaktliste, ganz wie damals, nur ohne die Ausrede, dass man erst 14 ist und noch niemanden kennt.

Technisch basiert das Ganze laut Projektseite auf einem privaten XMPP-Server, den die Entwickler eigens für dieses Vorhaben aufgesetzt haben. Neben klassischen Chats und dem Uh-oh-Sound sollen laut den Machern auch Offline-Nachrichten, Tippanzeigen, Lesebestätigungen sowie der Versand von Dateien und Bildern funktionieren, also durchaus mehr, als man einem Retro-Spielzeug zunächst zutrauen würde. Aktuell liegt die Software in Version 1.3 vor und wird nach eigenen Angaben aktiv weiterentwickelt. Verfügbar ist sie bislang ausschließlich für Windows 10 und Windows 11, macOS-, Linux-, Android- oder iOS-User gucken bislang in die Röhre.Wer also am Handy nostalgisch werden möchte, muss sich noch etwas gedulden. Oder einen alten Rechner aus dem Keller holen, was der Sache ehrlicherweise sogar ziemlich gut stehen würde. Aber das kann sich ja noch ändern.

Wer steckt dahinter?

Und hier wird es interessant, weil die Antwort im Grunde lautet: keine Ahnung. Auf der Downloadseite bei itch.io tritt der Anbieter lediglich unter dem Kürzel „icqr“ auf und beschreibt die Software als Herzensprojekt eines einzelnen Fans. Die offizielle Projektwebsite wiederum spricht allgemeiner von mehreren Fans, ohne Namen, Team oder verantwortliche Organisation zu nennen. Wer die Macher tatsächlich sind, lässt sich von außen also nicht nachvollziehen. Auf itch.io liest sich das Ganze entsprechend bescheiden: ein kostenloses Herzensprojekt, und wer möchte, darf dem Entwickler gerne einen Kaffee spendieren, muss aber nicht.

Amüsant wird es in den Kommentaren dort, wo jemand recht trocken nachfragt, warum man das Ding überhaupt „ICQ Reborn“ nenne, es sei doch technisch gesehen gar kein ICQ, nicht einmal die Oberfläche des verwendeten Jabber-Clients erinnere wirklich an das Original. Ein berechtigter Einwand, den man dem Entwickler durchaus zugutehalten kann, schließlich nennt sich die Software bewusst „Reborn“ und nicht „Original“. Das Interesse jedenfalls war größer als erwartet: Kurz nach dem Start waren die Server zeitweise überlastet, weil offenbar mehr Menschen als geplant auf einen Schlag „Hallo, ich bin's wieder“ sagen wollten.

Der Wermutstropfen: Sicherheit ist eher Nebensache

Und jetzt zum Teil, den man als Digitalagentur natürlich nicht einfach so unkommentiert stehen lassen kann. Zu einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung macht das Projekt keinerlei Angaben. Da zudem unklar bleibt, wer die Server betreibt und wo die Nachrichten tatsächlich verarbeitet werden, raten mehrere Fachmedien unabhängig voneinander dazu, über den Dienst keine sensiblen Informationen auszutauschen. Die Projektseite selbst wirbt zwar mit einem angeblich sicheren, privaten XMPP-Server, was genau daran sicher sein soll, bleibt allerdings offen. Belastbare Angaben zur Verschlüsselung der Nachrichten sucht man vergebens.

Das ist im Grunde die Pointe der ganzen Geschichte: Ein anonymes Team, dessen Identität niemand kennt, betreibt eine Server-Infrastruktur, über die man vertrauliche Chats mit Freunden führen kann, ohne wirklich zu wissen, wer eigentlich mitliest. 2003 hätte das kaum jemanden gestört, weil damals noch niemand ernsthaft über Metadaten, Serverstandorte oder Datenschutzgrundverordnung nachgedacht hat. 2026 ist das schon ein anderes Kaliber. Kurz gesagt: Zum Verabreden fürs Wochenende reicht's völlig. Für Bankdaten, Passwörter oder kritische Betriebsgeheimnisse wohl eher nicht.

Eine kleine Geschichtsstunde

Damit man versteht, warum dieser Sound überhaupt so viele Menschen aus dem Sessel hochschrecken lässt, lohnt ein kurzer Blick zurück. ICQ wurde 1996 vom israelischen Unternehmen Mirabilis entwickelt, ehe AOL den Messenger 1998 für zunächst rund 287 Millionen US-Dollar übernahm. Eine für damalige Verhältnisse spektakuläre Summe für ein Programm, das im Grunde nur ein grünes Blümchen und einen Sound zu bieten hatte. Bis 2009 soll die Zahl der registrierten Accounts auf mehr als 470 Millionen gestiegen sein, zu einer Zeit, in der „online sein“ für viele noch bedeutete, dass die Eltern nicht gleichzeitig telefonieren konnten. 2010 verkaufte AOL ICQ dann an den russischen Internetkonzern Digital Sky Technologies, der sich noch im selben Jahr in Mail.ru Group umbenannte und seit 2021 als VK firmiert. Mit dem Siegeszug von Smartphones und mobilen Messengern wie WhatsApp verlor der einstige Platzhirsch danach zunehmend an Bedeutung, bis der offizielle ICQ-Dienst schließlich am 26. Juni 2024 endgültig eingestellt wurde. Ein ziemlich leiser Abgang für einen Dienst, der einmal das Synonym für „online chatten“ war.

Und, soll man's installieren?

Wenn man ehrlich ist: ICQ Reborn ist keine ernsthafte Alternative zu WhatsApp, Signal oder Threema, und das will es vermutlich auch gar nicht sein. Es ist ein liebevoll gebautes Nostalgie-Projekt für eine Generation, die noch weiß, wie man sich mit einem cleveren Nickname und einer möglichst kurzen UIN online Respekt verschafft hat. Für einen Abend Retro-Gefühl mit alten Kumpels, die genauso wehmütig werden, spricht wenig dagegen, solange man im Hinterkopf behält, dass hinter dem Charme eben auch ziemlich viel Unbekanntes steckt. Ein anonymes Team, unklare Serverstandorte, keine Verschlüsselung. Das ist selbst für ein Projekt, das explizit an vergangene, sorglosere Internetzeiten erinnern will, ein bisschen viel Nostalgie auf einmal.

Wer's trotzdem ausprobieren möchte: Uh-oh, viel Spaß dabei. Und vielleicht einfach nicht gerade die Kontodaten dort reintippen.

I Seek You!

08.08.2026

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