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EU-Digitalranking: Deutschland nur auf Platz 17
Ganz ehrlich, da möchte man mit dem Kopf an die Wand schlagen, immerund immer wieder, bis der Schmerz nachlässt. Deutschland, Exportweltmeister außer Dienst, Ingenieursnation, Land der Dichter und Denker und angeblich auch der Digitalstrategien, landet im aktuellen EU-Digitalranking auf Platz 17 von 27. Zwischen, sagen wir es freundlich, dem hinteren Mittelfeld und dem, was man früher "die Schmuddelkinder" genannt hätte.
Und jetzt kommt das Schleudertrauma vom vielen Kopfschütteln: Deutschlands Werte sind laut DESI-Index 2026 sogar leicht gestiegen. Good Old Germany wird digitaler, man glaubt es nicht! Nur eben langsamer als so ziemlich jeder andere. Man stelle sich das wie einen Marathon vor, bei dem man tatsächlich schneller läuft als im Vorjahr - und trotzdem drei Plätze verliert, weil alle anderen einfach die Trainingsschuhe gewechselt haben, während man selbst noch über die Sinnhaftigkeit einer Ausschreibung für neue Schnürsenkel diskutiert.
Die Zahlen
Der Branchenverband Bitkom hat seinen DESI-Index - DESI steht für "Digital Economy and Society Index" - für 2026 vorgelegt, nachdem die EU-Kommission das offizielle Gesamtranking seit 2023 nicht mehr veröffentlicht. Bitkom bildet es stattdessen selbst nach, aus 44 Indikatoren der EU-Kommission, nach der ursprünglichen Methodik. Ergebnis: Deutschland kommt auf 51,1 von 100 möglichen Punkten und landet damit auf Platz 17 unter den 27 EU-Mitgliedstaaten.
Im Vorjahr war es noch Platz 14 mit 50,1 Punkten. Im alten DESI der EU-Kommission, 2022, stand Deutschland auf Platz 13. Wer mitrechnet: Das ist ein Abstieg um vier Plätze in vier Jahren, bei gleichzeitig steigender Punktzahl. Ganz oben grüßt Dänemark mit 76,4 Punkten, gefolgt von Finnland, den Niederlanden, Malta und Luxemburg. Kleine, wendige Staaten, die man mit Deutschland eigentlich nicht eins zu eins vergleichen kann, wie Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst richtigerweise anmerkt. Föderale Flächenstaaten wie Deutschland lassen sich schlecht mit Luxemburg vergleichen. Fair genug. Nur: Unter den fünf größten EU-Ländern reicht es für Deutschland immerhin für Platz 2, hinter Spanien und vor Frankreich, Polen und Italien. Spanien. Föderal organisiert, ähnlich groß, ähnlich komplex - und trotzdem schneller. Das nimmt der Ausrede vom "wir sind halt zu groß und zu föderal" eigentlich ziemlich viel Wind aus den Segeln.
Woran es hakt: die Digitalisierung, die keiner nutzt
Am bittersten wird es bei einem Detail, das fast schon Kabarettqualität hat. Bei der reinen Infrastruktur steht Deutschland gar nicht mal schlecht da: Platz 11 bei der Qualität der digitalen Infrastruktur, mit einer 5G-Abdeckung von 99,5 Prozent der Haushalte, über dem EU-Durchschnitt von 96,8 Prozent. Klingt gut. Aber bei der tatsächlichen Nutzung dieser Infrastruktur rutscht Deutschland auf Platz 21 ab. Nur 7 Prozent der Bevölkerung nutzen einen Breitbandanschluss mit mindestens 1.000 Mbit/s, obwohl das Glasfaserkabel oft direkt vor der Haustür liegt.
Man hat also gebaut. Millionen und Abermillionen Euro verbuddelt, Glasfaser verlegt, 5G-Masten hochgezogen - und dann zusehen müssen, wie die Leute weiter mit ihrem alten DSL-16.000-Vertrag durchs Leben surfen, weil niemand ihnen erklärt hat, warum ein Wechsel sich lohnt, oder weil der Wechselprozess selbst so mühsam ist, dass man ihn lieber auf "irgendwann" verschiebt. Das ist, als würde man eine Autobahn bauen und sich dann wundern, warum alle weiter über die Feldwege tuckern, weil die Auffahrt fehlt oder die Beschilderung nirgendwo hinweist.
Und dann ist da noch die Verwaltung
Kommen wir zum eigentlichen Trauerspiel. Bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung landet Deutschland auf Platz 22 von 27 - ein Platz schlechter als im Vorjahr. Digitale Verwaltungsangebote nutzen in Deutschland 69,6 Prozent der Internetnutzer, EU-weit sind es 76,0 Prozent. Vorausgefüllte Formulare erreichen hierzulande 52,0 von 100 möglichen Punkten, der EU-Durchschnitt liegt bei 75,9. Platz 1 in dieser Kategorie geht an Malta, dahinter Estland und Finnland - wir haben das bereits vor 7 Jahren (!) beleuchtet.
Wer jetzt denkt, das sei eine neue Entwicklung, dem sei gesagt: Nein. Das Onlinezugangsgesetz, kurz OZG, gibt es seit 2017. Es sollte bis Ende 2022 dafür sorgen, dass 575 zentrale Verwaltungsleistungen digital verfügbar sind. Die Frist ist seit über drei Jahren verstrichen! Der Politologe Gerhard Hammerschmid von der Berliner Hertie School hat es im Bundestag unverblümt auf den Punkt gebracht: Das OZG sei gescheitert. Und laut dem aktuellen Behörden-Digimeter des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft sind Anfang 2026 gerade einmal 823 von inzwischen 7.509 erfassten Einzelleistungen bundesweit tatsächlich flächendeckend digital nutzbar. Das sind, wer nachrechnen möchte, knapp elf Prozent.
Elf Prozent! Nach neun Jahren Gesetz, mehreren Nachfolgeversionen, unzähligen Digitalisierungslaboren, Pilotprojekten und Sonntagsreden über die "digitale Verwaltung von morgen". Man könnte fast neidisch werden auf Länder, die einfach mal ein Portal bauen, es zum Laufen bringen und dann zur nächsten Aufgabe übergehen, statt jahrelang über Zuständigkeiten zwischen Bund, 16 Ländern und Tausenden Kommunen zu verhandeln, während der Bürger weiterhin mit Aktenordner unterm Arm und Terminvereinbarung beim Amt vorstellig werden muss.
Die eine gute Nachricht: Unternehmen und Kompetenzen
Damit dieser Text nicht komplett in Galgenhumor ertrinkt: Es gibt tatsächlich Lichtblicke, und die sollte man nicht kleinreden. Bei der digitalen Transformation von Unternehmen steht Deutschland unter den fünf größten EU-Ländern auf Platz 1, EU-weit auf Platz 11, mit einer besonders positiven Entwicklung bei der Zahl der Unicorns. Auch bei den digitalen Kompetenzen ging es spürbar nach oben, von Platz 15 im Jahr 2025 auf Platz 11 im aktuellen Ranking. Der Anteil der IT-Fachkräfte liegt mit 5,5 Prozent über dem EU-Schnitt von 5,0 Prozent, ebenso der Anteil der IT-Absolventen.
Es ist also nicht so, dass in Deutschland niemand programmieren kann oder Unternehmen sich verweigern. Die Wirtschaft zieht mit, teils sogar vorbildlich. Das Problem sitzt woanders: bei genau den Stellen, an denen der Staat selbst gefordert wäre, Rahmenbedingungen zu schaffen, Prozesse zu beschleunigen und Bürokratie abzubauen. Wenn ausgerechnet die öffentliche Hand zum Bremsklotz wird, während der Rest des Landes längst weiter ist, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht in der Priorisierung.
Was der Branchenverband Bitkom fordert - und warum das nicht neu ist
Bitkom-Präsident Wintergerst bringt es in seiner Stellungnahme auf den Punkt: Deutschland brauche schnellere Digitalprojekte, von der Unternehmensgründung in 24 Stunden über beschleunigte Genehmigungsverfahren für Rechenzentren und Fabriken bis zum breiten Einsatz von KI in Unternehmen. Dazu "Smart Regulation": weniger Bürokratie, einfachere Berichtspflichten, digitale Identitäten, das Once-Only-Prinzip, damit Daten nur noch einmal angegeben werden müssen. Deutschland brauche, so Wintergerst wörtlich, einen "digitalen Nordstern".
Das klingt gut. Es klang vor drei Jahren gut. Es klang, mit anderen Worten und anderen Sprechern, auch schon 2017 gut, als das OZG verabschiedet wurde. Die Diagnose ist seit Jahren exakt dieselbe: zu viel Föderalismus-Wirrwarr, zu viele Zuständigkeiten, zu wenig verbindliche Standards, zu langsame Umsetzung. Nur ändert sich an der Diagnose nichts, wenn niemand die Therapie tatsächlich durchzieht. Es ist ein bisschen wie bei einem Patienten, dem der Arzt seit neun Jahren erklärt, dass er sich mehr bewegen sollte, während der Patient jedes Jahr brav nickt, sich einen neuen Trainingsplan drucken lässt - und dann doch wieder auf dem Sofa landet.
Was das für Unternehmen und Selbstständige bedeutet
Für alle, die täglich mit Behörden, Formularen und Verwaltungsprozessen zu tun haben - und das betrifft praktisch jedes kleine Unternehmen, jeden Verein, jede Praxis, mit der wir zusammenarbeiten - ist das kein abstraktes Ranking-Problem. Das ist gelebte Realität: Anträge, die nur postalisch oder per Fax gestellt werden können. Formulare, die nicht vorausgefüllt sind, obwohl die Behörde die Daten längst hat. Papiere, die doppelt und dreifach ausgefüllt werden müssen, "wegen des Datenschutzes" und Genehmigungsverfahren, die sich über Monate ziehen, während andernorts binnen Tagen entschieden wird.
Wer als Unternehmen digital aufgestellt sein will, kann sich auf den Staat dabei jedenfalls nicht verlassen. Die eigene Website, der eigene Onlineauftritt, die eigenen digitalen Prozesse - das bleibt in der eigenen Verantwortung, und genau da lohnt sich Investition auch dann, wenn drumherum alles eher gemächlich läuft. Digitale Souveränität fängt eben nicht bei der Verwaltung an, sondern bei der eigenen Infrastruktur: eine Website, die tatsächlich funktioniert, Prozesse, die nicht auf Papier warten, und eine Web-Präsenz, die nicht erst 2030 startklar ist, sondern heute.
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Fortschritt im Schneckentempo ist zwar trotzdem Fortschritt - reicht aber hinten und vorne nicht
Deutschland wird digitaler. Das ist keine Ironie, das ist tatsächlich wahr, Punkt für Punkt in den Zahlen ablesbar. Nur eben zu langsam, zu unkoordiniert und an den entscheidenden Stellen zu halbherzig. Platz 17 von 27 in der EU ist für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt kein Ausrutscher, den man mit ein bisschen mehr Tempo im nächsten Jahr wieder wettmacht. Es ist das Ergebnis von fast einem Jahrzehnt verschleppter Verwaltungsdigitalisierung, verpassten Fristen und einer föderalen Struktur, die lieber neue Gremien gründet, als bestehende Probleme zu lösen.
Die kleinen, wendigen EU-Staaten machen es vor: Es geht auch anders, und es geht schneller, das Baltikum und insbesondere Estland mit einer nahezu volldigitalen Verwaltung seien hier beispielhaft genannt. Deutschland hat die Fachkräfte, die Infrastruktur und, wenn man den Unternehmenszahlen glaubt, sogar den Willen dazu. Was fehlt, ist der politische Mumm, den Arsch aus dem Sessel zu bekommen und aus neun Jahren Ankündigungen endlich neun Jahre Umsetzung zu machen. Bis dahin bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als weiter Formulare auszudrucken, mit der Post zu verschicken - und uns dabei zu fragen, in welchem Jahrzehnt wir eigentlich gerade leben.
Und nicht vergessen, einen Stempel drunter zu machen! Himmerlherrgott nocheinmal!
Foto:Pizarros, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license
06.08.2026
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