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Wedium: Ist ein neues soziales Netzwerk aus Berlin das bessere Tiktok?
Ausweispflicht statt Bot-Armee, europäische Server statt US-Cloud-Act, echte Menschen statt Empfehlungsalgorithmus-Chaos: Mit Wedium ist ein neues soziales Netzwerk gestartet, das ziemlich genau die Liste an Beschwerden abarbeitet, die man in den letzten Jahren gegen TikTok, Instagram und X gesammelt hat. Seit Ende Juli ist die App in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügbar, im Oktober sollen weitere europäische Länder folgen. Der Ansatz ist sympathisch. Die Frage ist nur, ob Sympathie in einem Markt reicht, der von genau einem Faktor beherrscht wird: der Masse an Menschen, die schon da sind.
Wer steckt dahinter?
Wedium kommt nicht aus dem Silicon Valley und auch nicht aus einer Fediverse-Denkfabrik, sondern aus einer Berliner Werbeagentur. Gegründet wurde das Netzwerk unter anderem von Johannes Meissner, der die Kreativagentur Glow leitet, gemeinsam mit seiner Co-CEO Nele Meissner. Die Gründungsgeschichte, die das Team selbst erzählt, beginnt mit einem konkreten Bild: der Amtseinführung von Donald Trump am 20. Januar 2025, bei der die versammelte US-Tech-Elite in der ersten Reihe saß. Für die Gründer war das der Moment, in dem klar wurde, dass Plattformen wie TikTok, Instagram, Facebook und X längst keine neutralen Infrastrukturen mehr, sondern eng mit politischer Macht verflochten sind. Ob man diese Lesart teilt oder nicht - als Gründungserzählung ist sie zumindest greifbarer als das übliche "wir wollten die Welt verbessern".
Technisch verantwortet wird die Plattform von CTO Andreas Hacker (man glaubt es nicht, aber das ist tatsächlich sein Name), der den Quellcode komplett neu entwickelt hat. Bewusst verzichtet Wedium dabei auf das AT-Protokoll oder eine Fediverse-Anbindung à la Mastodon - als Begründung nennt das Team unter anderem, dass Donald Trump für Truth Social auf Mastodon-Code zurückgegriffen habe und dass offene Protokolle sich schlicht schlecht monetarisieren lassen. Eine pragmatische, wenn auch etwas ambivalente Entscheidung: Interoperabilität wird hier der eigenen Kontrolle geopfert.
Ausweispflicht als zentrales Verkaufsargument
Das auffälligste Merkmal von Wedium ist die verpflichtende Identitätsprüfung. Wer nur lesen will, kann sich mit einer E-Mail-Adresse anmelden. Wer aber posten oder kommentieren möchte, muss sich verifizieren - über das deutsche Unternehmen WebID, das die Daten DSGVO-konform auf europäischen Servern verarbeitet und explizit außerhalb der Reichweite des US CLOUD Act arbeitet. Ein echter Name muss dabei nicht öffentlich sichtbar sein, ein Pseudonym reicht; besonders für Minderjährige und Menschen, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben müssen, empfiehlt Wedium sogar ausdrücklich, den Klarnamen zu verbergen.
Auch die restliche Infrastruktur ist konsequent europäisch zusammengestellt: Die Server laufen bei Hetzner in Deutschland, das DNS über Bunny.net in Slowenien, der Mailserver bei Mittwald, der Versand über Rapidmail. Für ein Start-up, das explizit als Gegenentwurf zur US-Dominanz im Netz positioniert ist, ist das eine konsequente Umsetzung - und in der aktuellen politischen Debatte um digitale Souveränität durchaus ein Argument, das zieht. Mehrere große Medien wie FAZ, Zeit, Handelsblatt und Tagesschau haben in den letzten Monaten bereits über den Launch berichtet, was zeigt, dass das Thema auch außerhalb der Tech-Blase durchaus auf Resonanz stößt.
Für Jugendliche gedacht, nicht nur für sie geöffnet
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf dem Jugendschutz. Ab 13 Jahren können Minderjährige einen Account eröffnen, allerdings nur, wenn ein Erziehungsberechtigter die Registrierung mit dem eigenen Ausweis absichert oder das Kinderprofil mit dem eigenen Account verknüpft. Unter fachlicher Begleitung der Psychologin und Jugendschutzexpertin Julia von Weiler entwickelt Wedium dafür sogenannte Safe Accounts, die als Closed Beta anlaufen und auf einer eigens durchgeführten Befragung von Eltern und Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren basieren. Hintergrund ist eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, wonach in Deutschland jeder zweite Jugendliche Symptome einer Social-Media-Abhängigkeit zeigt - eine Zahl, die man in der Diskussion um Suchtdesign und Dauerscrollen in den letzten Jahren immer wieder gehört hat, die aber trotzdem jedes Mal hängen bleibt.
Auch beim Algorithmus grenzt sich Wedium bewusst ab: Es gibt zwei getrennte Feeds, einen für Beiträge von Freunden und gefolgten Accounts, einen zweiten mit interessenbasierten Empfehlungen. Das ist ein deutlicher Pluspunkt gegenüber beispielsweise Facebook, in dem man Beiträge von Freunden kaum noch zu Gesicht bekommt. Laut eigener Aussage soll dieser Algorithmus zwar auf Interessen reagieren, aber nicht auf Verweildauer und Empörung optimiert sein - begleitet von einem Beirat aus Medienexpertinnen und einem Jugendschutz-Fachbeirat. Ob sich "gesunde" Algorithmen tatsächlich so einfach von den "toxischen" der großen Plattformen unterscheiden lassen, wird sich erst zeigen müssen, wenn genug Nutzungsdaten vorliegen - eine Selbstverpflichtung ist erst einmal nur das: eine Verpflichtung, die man sich selbst auferlegt.
Das Geschäftsmodell: Werbung, Abo und ein Punktesystem für Creator
Finanzieren will sich Wedium über zwei Wege: Werbung und ein Abo-Modell. Wer die App werbefrei nutzen möchte, zahlt 8,99 Euro im Monat. Die eigentliche Besonderheit liegt aber im Umgang mit den Werbeeinnahmen: 50 Prozent davon sollen an Creator, Medienhäuser und NGOs ausgeschüttet werden - über ein Punktesystem namens "Wedium Points", das ab dem ersten Like zu sammeln beginnt und dessen konkreter Gegenwert am Ende eines Abrechnungszeitraums von der Gesamtwerbeeinnahme abhängt. Damit positioniert sich Wedium bewusst als Plattform, die auch etablierte Medienhäuser adressiert, die auf den großen Plattformen zunehmend an Sichtbarkeit verlieren.
Bemerkenswert ist außerdem die Pflicht zur Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten: Beim Posten muss aktiv angegeben werden, ob ein Beitrag mit KI erstellt oder unterstützt wurde. Unmarkierte KI-Inhalte zählen laut Nutzungsbedingungen zu den häufigsten Gründen für Verwarnungen und Sperren - neben Spam, Belästigung und Hassrede. Wer im professionellen Content-Umfeld unterwegs ist, sollte sich diese Regel merken, bevor man versehentlich in ein Moderationsverfahren rutscht.
Netzwerkeffekte
Und damit sind wir beim Kern des Problems. Alles, was Wedium richtig macht - Datenschutz, Verifizierung, faire Vergütung, Jugendschutz -, sind Antworten auf reale, seit Jahren diskutierte Probleme. Nur: Ein soziales Netzwerk lebt nicht von seinen Prinzipien, sondern von der Frage, ob genug Menschen gleichzeitig da sind, um es überhaupt interessant zu machen. Genau diesen Netzwerkeffekt bringen TikTok, Instagram und Co. mit, ganz gleich wie fragwürdig ihre Algorithmen im Detail sind. Über 10.000 registrierte Nutzer meldet Wedium aktuell selbst - ein solider Start für ein Start-up, aber eine verschwindend kleine Zahl gegen die Milliarden an aktiven Accounts der etablierten Konkurrenz.
Das ist keine neue Herausforderung. Europäische Alternativen zu US-Plattformen gab es in den letzten Jahren mehrfach, von Mastodon-Instanzen bis zu diversen Messenger-Projekten, und die meisten blieben Nischenphänomene für eine bereits überzeugte, eher technikaffine Zielgruppe. Wedium versucht, diesem Muster zu entkommen, indem es sich bewusst nicht als Nischenprodukt für Idealisten positioniert, sondern als vollwertige Alternative mit Kurzvideo-Fokus, eigenen Schnitt-Tools und aggressiver Außenwerbung - die freche Plakatkampagne gegen TikTok und Facebook, über die mehrere Medien berichtet haben, ist dafür ein gutes Beispiel. Ob das reicht, um genug kritische Masse zu erreichen, bevor das nächste europäische Projekt mit derselben Grundidee an den Start geht, ist offen. Sicher ist nur: Der Bedarf an einer vertrauenswürdigen Alternative ist da. Ob Wedium sie am Ende füllt, entscheiden nicht die Gründer, sondern die Nutzer - und zwar in Massen, nicht in Zehntausenden.
05.08.2026
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