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Mehr als ein Nischenprojekt: Ecosia und Qwants starten neuen Suchindex

Ecosia und Qwant starten gemeinsamen europäischen SuchindexÜber 80 Prozent der weltweiten Websuche laufen über einen einzigen Konzern. In Europa sind es noch mehr: Auf dem Desktop hält Google hierzulande knapp 90 Prozent des Marktes, auf dem Smartphone sogar rund 95 Prozent. Wer das nicht Monopol nennen will, dem fällt vermutlich auch kein besseres Wort dafür ein.

Zugegeben, die Europäer haben die eigenen digitalen Ökosysteme jahrzehntelang verschlafen, es war ja auch alles "Neuland" und zudem so bequem, die Tech-Giganten aus Übersee einfach machen zu lassen. Genau in diese Marktlage hinein haben Ecosia und Qwant vor wenigen Tagen einen eigenen deutschen Websuchindex gestartet - nach Frankreich der zweite Markt für ihr gemeinsames Projekt European Search Perspective, kurz EUSP. Der Clou dabei: Zum ersten Mal überhaupt steht damit eine Suchinfrastruktur bereit, die komplett ohne Google und ohne Microsoft auskommt.

Warum das überhaupt eine Nachricht ist

Um zu verstehen, warum dieser Start relevant ist, muss man kurz erklären, was ein Webindex eigentlich ist. Eine Suchmaschine wie Google oder Ecosia zeigt dir ja nicht live das gesamte Internet an, wenn du etwas eintippst. Sie durchsucht stattdessen eine riesige, vorab aufgebaute Datenbank - den Index -, die festhält, welche Seiten existieren, was auf ihnen steht und wie sie miteinander verlinkt sind. Diesen Index selbst aufzubauen, ist technisch und finanziell enorm aufwendig. Milliarden Webseiten crawlen, Inhalte bewerten, Ranking-Algorithmen entwickeln - das kostet Rechenzentren, Ingenieure und vor allem Zeit.

Deshalb hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine ziemlich schiefe Arbeitsteilung eingespielt: Fast jede Suchmaschine, die nicht Google heißt, kauft ihre Ergebnisse im Hintergrund einfach ein. Ecosia machte da lange keine Ausnahme - die Suchergebnisse kamen über Jahre größtenteils von Microsoft Bing, zuletzt zunehmend auch direkt von Google. Auch Qwant, das sich seit Jahren explizit als europäische, datenschutzfreundliche Alternative positioniert, war technisch von genau den Konzernen abhängig, die es eigentlich herausfordern wollte. Sogar Brave, oft als unabhängige Alternative gehandelt, bezieht seinen Index nur teilweise selbst und mischt US-Quellen dazu.

Was sich mit Staan konkret ändert

Das gemeinsame Unternehmen der beiden Suchdienste heißt European Search Perspective und wurde Ende 2024 gegründet. Der daraus entstandene Index trägt den Namen Staan. Im August 2025 ging er zunächst für Frankreich live, seit dieser Woche liefert er nun auch Ergebnisse für den deutschen Markt - mit einem eigenen, rund eine Milliarde Seiten umfassenden Index und eigenen Ranking-Algorithmen, die nicht länger bei einem US-Konzern lizenziert werden müssen.

Eine Milliarde Seiten klingt nach viel, ist aber im Vergleich zu Googles Index ein Rundungsfehler - die genaue Größe von Googles Index ist nicht öffentlich, gilt aber als um Größenordnungen umfangreicher. Insofern wäre es vermessen, jetzt schon von einer echten Alternative zu sprechen, die dem Platzhirsch das Wasser abgraben könnte. Das ist derzeit auch gar nicht der Anspruch. Was zählt, ist der Grundsatzcharakter: Zum ersten Mal existiert überhaupt eine europäische Suchinfrastruktur, die technisch unabhängig funktioniert.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Ecosia und Qwant ihren Index nicht für sich behalten wollen. Staan soll auch an andere unabhängige Suchmaschinen und an KI-Unternehmen lizenziert werden können, die für ihre Chatbots und Assistenten aktuelle Weberkenntnisse brauchen. Das ist kein Nebensatz, sondern der eigentliche strategische Kern des Projekts - eine Art gemeinsame Dateninfrastruktur, auf der weitere europäische Dienste aufsetzen können, statt dass jeder einzeln bei Google anklopfen muss.

Der Auslöser, den kaum jemand erwähnt

Ein Detail aus der Vorgeschichte macht deutlich, wie fragil die alte Abhängigkeit tatsächlich war: Microsoft hat seine Bing Search API im August 2025 abgeschaltet und Kunden auf ein Azure-Produkt verwiesen, das kein echter Ersatz ist. Für alle, die ihre Suchergebnisse bis dahin bei Bing eingekauft hatten, bedeutete das einen überstürzten Umbau der eigenen Infrastruktur. Wer schon einmal erlebt hat, wie ein zentrales Feature von heute auf morgen von einer fremden API abhängt, die der Anbieter über Nacht abschalten kann, weiß, wie unangenehm dieses Gefühl ist. Genau dieses Szenario ist für europäische Suchdienste jetzt ein Stück unwahrscheinlicher geworden.

Mehr als nur Suche: die KI-Dimension

Digitale Souveränität klingt oft nach einem Wort aus Sonntagsreden, wird aber gerade sehr konkret. Viele KI-Chatbots stützen ihre Antworten inzwischen auf Live-Suchergebnisse, um aktuelle Informationen liefern zu können. Wer diese Grundlage nicht selbst kontrolliert, ist auch als KI-Anbieter von den Entscheidungen ausländischer Konzerne und Regierungen abhängig.

Wie real dieses Risiko ist, zeigte sich erst im Juni: Anthropic musste auf Anweisung der US-Regierung den Zugang zu seinen leistungsfähigsten Modellen für Nutzer außerhalb der USA vorübergehend aussetzen. Europäische Unternehmen und Behörden standen von einem Tag auf den anderen ohne Zugriff da - ein Vorgeschmack darauf, was auf dem Spiel steht, wenn zentrale digitale Infrastruktur komplett außerhalb Europas liegt. Ein eigener Suchindex ist zwar kein Ersatz für eigene KI-Modelle, aber ein Baustein von mehreren, die zusammen so etwas wie technologische Handlungsfähigkeit ergeben.

Auch in den USA wackelt das Monopol

Interessant ist, dass der Druck auf Google nicht nur aus Europa kommt. Ein Bundesgericht in Washington D.C. hat bereits geurteilt, dass der Konzern sein Suchmonopol durch Exklusivverträge mit Apple, Samsung und Mozilla illegal aufrechterhalten hat, und die Mutter aller Suchmaschinen unter anderem dazu verpflichtet, Suchdaten an qualifizierte Wettbewerber weiterzugeben. Google hat gegen dieses Urteil im Mai 2026 Berufung eingelegt, der Ausgang ist also offen. Aber die Richtung ist bemerkenswert: Selbst im eigenen Heimatmarkt gerät das Geschäftsmodell zunehmend unter juristischen Druck.

In Europa spielt zusätzlich der Digital Markets Act eine Rolle. Er verpflichtet große Tech-Konzerne dazu, bestimmte Daten mit kleineren Wettbewerbern zu teilen - eine Regelung, auf die sich Ecosia bei der Vorstellung des deutschen Index ausdrücklich bezogen hat.

Was das für den Alltag bedeutet

Seien wir ehrlich: An den Marktverhältnissen ändert der neue Index kurzfristig rein gar nichts. Googles knapp 90 Prozent Marktanteil in Europa wackeln durch eine Milliarde indexierte Seiten nicht im Geringsten. Wer heute auf Ecosia oder Qwant umsteigt, tut das nicht, weil die Suchergebnisse jetzt objektiv besser wären, sondern aus einer bewussten Entscheidung heraus: für mehr Datenschutz, für weniger Abhängigkeit von einem einzelnen Konzern, für eine Suchmaschine, die einem nicht in erster Linie möglichst viele Werbeanzeigen verkaufen will.

Genau deshalb ist der Vergleich mit einem Sonntagsspaziergang gegen einen Marathonläufer auch nicht ganz fair. Google hat einen Vorsprung von über zwei Jahrzehnten, unvorstellbare Rechenkapazitäten und ein Geschäftsmodell, das sich über Werbung von selbst finanziert. Ecosia und Qwant müssen bei null anfangen - und tun das jetzt trotzdem, mit öffentlich einsehbarer Roadmap und dem erklärten Ziel, ihre Infrastruktur auch anderen zur Verfügung zu stellen.

Ob daraus in fünf Jahren eine ernstzunehmende Alternative wird oder ein weiteres gut gemeintes Projekt, das im Marktrauschen untergeht, lässt sich heute nicht seriös vorhersagen. Was sich aber sagen lässt: Ohne solche Projekte gibt es diese Möglichkeit erst gar nicht. Ein Monopol wird nicht dadurch kleiner, dass man es beklagt, sondern dadurch, dass jemand tatsächlich die Infrastruktur baut, die eine Alternative überhaupt erst möglich macht. Genau das passiert hier - langsam, mit bescheidenen Zahlen, aber mit einer klaren Richtung.

04.08.2026

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